Rousey vs. Carano – Ein 17 Sekunden Cash Grab

Netflix hat am vergangenen Wochenende seine allererste MMA Liveübertragung veranstaltet. Das Mega Event im Intuit Dome in Inglewood gipfelte im Hauptkampf zwischen den Martial Arts Legenden Ronda Rousey und Gina Carano. Wer mich ein bisschen kennt, weiß vermutlich, dass ich nicht gerade jedes Wochenende vor dem Fernseher sitze und mir Kampfsport anschaue. Meine Berührungspunkte mit der UFC und ähnlichen Ligen beschränken sich auf gelegentliche Videoschnipsel oder eben Querverweise in der Popkultur. Am meisten hatte ich wohl noch mit Wrestling der WWF bzw. WWE in meiner Schulzeit am Hut. Aber die riesige PR Maschinerie von Netflix und vor allem die Rückkehr von Gina Carano haben mich dann doch neugierig gemacht.
Mehr Füllmaterial als echter Sport
Wer wie ich im Vorfeld dachte, dass hier nur alte Legenden gegeneinander antreten, wurde eines Besseren belehrt. Die sogenannte Maincard, also die Kämpfe die im selben Event zuvor auf der Hauptbühne stattfanden, bestand aus einer Mischung von Comebacks und aktiven oder zumindest bis vor kurzem sehr präsenten Namen wie Nate Diaz, Mike Perry oder Francis Ngannou, die ich ehrlicherweise alle googlen musste. Trotzdem kam kaum ein echter Rhythmus auf. Gefühlt endete fast jeder Kampf nach kürzester Zeit durch (technisches) Knockout. Das eigentliche Problem war aber die Verpackung. Drei Stunden Sendezeit mussten irgendwie gefüllt werden, was zu endlosen Vorberichten und zähen Pausen führte. Wenn man bedenkt, wie schnell die Kämpfe im Käfig dann vorbei waren, dürften sich vorallem die Leute vor Ort in der Halle ziemlich geärgert haben.
Zwei Ikonen im Käfig

Mein eigentlicher Einschaltgrund war ehrlich gesagt Gina Carano. Auch wenn ich ihre sportliche Karriere früher nicht wirklich aktiv verfolgt habe, war sie mir schon länger ein Begriff aus Filmen wie The Fast & the Furious oder Deadpool und spätestens durch ihre Rolle als Cara Dune in The Mandalorian, in der ich sie richtig cool fand, war sie wieder komplett auf meinem Schirm. Ich mag ihre Präsenz auf dem Bildschirm sehr und finde sie hat das gewisse Etwas, außerdem ist es absolut bewundernswert, in was für eine krasse Form sie sich für dieses Event gebracht hat. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, die in Texas geborene Frau ist mittlerweile 44 Jahre alt. Ihr allererster professioneller MMA-Kampf fand bereits 2006 statt und ihr letzter echter Auftritt im Käfig war 2009, das ist unfassbare 17 Jahre her! Dass sie eine gewisse sportliche DNA besitzt, kommt allerdings nicht von ungefähr, denn schon ihr Vater Glenn Carano war Profisportler und spielte als Quarterback in der NFL. Trotzdem nötigt es mir großen Respekt ab, sich nach fast zwei Jahrzehnten Ringpause körperlich wieder so in Form zu drillen.

Ronda Rousey hingegen ist selbst für absolute Außenstehende wie mich ein Begriff. Man weiß einfach, dass sie eine absolute Ikone in diesem Sport ist und die Szene jahrelang dominiert hat. Die heute 39-jährige Kalifornierin hat den Kampfsport quasi mit der Muttermilch aufgesogen, ihre Mutter AnnMaria De Mars war immerhin die erste Amerikanerin, die Judo-Weltmeisterin wurde. Rouseys eigener erster Profikampf im MMA war 2011, und danach hat sie den Frauensport in der UFC auf ein völlig neues, millionenschweres Level gehoben. Aber auch bei ihr war viel Rost angesetzt. Ihr letzter MMA-Fight war die bittere K.O.-Niederlage gegen Amanda Nunes im Dezember 2016. Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen, in denen sie dem echten Oktagon den Rücken kehrte, sich stattdessen beim Show-Wrestling in der WWE austobte, ebenfalls in Hollywood-Filmen mitspielte und 2021 Mutter einer Tochter wurde.
Zwei so große Namen mit diesen extremen Lebensläufen nach so einer langen Pause wieder in den Ring zu stellen, verspricht natürlich enorme Einschaltquoten und den ultimativen Hype.
17 Sekunden bis zum Zahltag
Nach all dem Hype kam dann endlich der Moment, auf den alle gewartet haben. Die Ringglocke ertönt. Ein kurzes Abtasten, ein Takedown von Rousey, ein Hebelgriff und Carano klopft ab.
Nach exakt 17 Sekunden war alles vorbei. Ich saß wirklich fassungslos auf dem Sofa. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass Carano das Ding gewinnt oder wir zumindest einen ordentlichen Kampf zu sehen bekommen. Was die Situation aber komplett absurd machte, war die Reaktion der beiden direkt danach. Keine Spur von sportlicher Enttäuschung oder Frust über das extrem rasante Ende. Stattdessen fielen sich die zwei lachend und sichtlich erleichtert in die Arme. Das hatte für mich absolut nichts mit dem ultimativen sportlichen Wettkampf zu tun, den uns Netflix da wochenlang versprochen hat. Es wirkte vielmehr wie ein verdammt leichter Paycheck für beide Seiten.
Sexismus als Rahmenprogramm
Es gab noch ein weiteres Detail, das mir im irgendwie aufgestoßen ist. Bei jedem einzelnen Kampf kamen neue Nummerngirls in den Ring. Ethnisch war das Ganze zwar bunt gemischt, aber bei der Besetzung wurde offensichtlich nach einem ganz bestimmten und kalkulierten Muster gecastet. Bei jedem Duo hatte mindestens eine der Frauen eine extrem üppige Oberweite. Versteht mich nicht falsch, ich bin der letzte der sich grundsätzlich darüber beschwert, eine schöne Aussicht zu haben, ich fand es hier dennoch irgendwie unangemesse. Vor allem für ein modernes New Economy Unternehmen wie Netflix, welches auf der einen Seite extreme Richtlinen für Equality und Diversity aufstellt und anders herum dann derart kramphaft an optischen Gewohnheiten der 80er und 90er Jahre festhält. Es wirkte völlig deplatziert.
Solche rückständigen Rollenbilder passen vielleicht zur allgemeinen politischen Stimmung unter dem aktuellen Trump Regime in den USA, aber ganz sicher nicht zu einer Plattform, die sich sonst so fortschrittlich gibt. Besonders bitter ist die Tatsache, dass ausgerechnet bei einem Event, bei dem zwei Frauen als absolute Headliner die Halle ausverkaufen und die Massen anziehen, das Rahmenprogramm mit einer derart plumpen Fleischbeschau besetzt wird. Das entlarvt die vermeintliche Bühne für den Frauensport als reine Fassade.
Die Systematik
Dieses Event reiht sich nahtlos in einen Trend ein, der uns als Zuschauer eigentlich schon lange wütend machen sollte. Das Phänomen der alternden Stars, die für ein gigantisches finanzielles Trostpflaster noch einmal ins Scheinwerferlicht gezerrt werden, ist keineswegs eine neue Erfindung aus den USA. In Deutschland und Europa kennen wir diese kalkulierte Nostalgieshow schon seit Jahrzehnten. Und wenn man sich die nackten Zahlen ansieht, wird sofort klar, warum sich Legenden immer wieder für dieses Spektakel hergeben. Bei Rousey gegen Carano waren die Gagen für ein Event dieser Art astronomisch. Ronda Rousey kassierte für ihren 17 Sekunden Auftritt laut offiziellen Berichten unglaubliche 2,2 Millionen US Dollar. Gina Carano ging mit 1,05 Millionen US Dollar nach Hause. Für Carano war das der mit Abstand größte Zahltag ihrer gesamten MMA Karriere.
Der Prototyp des inszenierten Meilenstein Comebacks im europäischen Raum war sicherlich Henry Maske. Er stieg 2007 nach über zehn Jahren Kampfpause noch einmal für einen einzigen und medial hyperventilierten Revanchekampf gegen Virgil Hill in den Ring. Der Sender RTL ließ sich dieses Spektakel einiges kosten. Maske kassierte für diesen einen Abend schätzungsweise drei Millionen Euro, während sein Gegner Virgil Hill immerhin noch mit rund 1,5 Millionen Euro entlohnt wurde. Das funktionierte damals sportlich überraschend gut, lieferte aber die perfekte Blaupause für spätere und deutlich peinlichere Versuche. Man denke an Axel Schulz, dessen Comebackversuch im selben Zeitraum in einem sportlichen Desaster endete.
Auch abseits des Boxrings greift diese Seuche um sich, wobei die Mechanismen je nach Sportart stark variieren. Im Fußball ist ein aktives Spieler Comeback nach Jahren des Ruhestands aus rein physischen Gründen quasi unmöglich, weshalb sich das Phänomen dort fast ausschließlich auf die Trainerbank verlagert. Da wird dann der x-te altgediente Coach im Rentenalter reaktiviert, um als vermeintlicher Heilsbringer die Kohlen aus dem Feuer zu holen, was meistens mit überschaubarem langfristigen Erfolg endet.
Schaut man in den Einzelsport, wird es oft noch drastischer. In der Formel 1 erlebten wir die Rückkehr von Michael Schumacher bei Mercedes. Auch hier war Geld ein enormer Treiber. Schumacher verdiente bei seinem Comeback ab 2010 ein kolportiertes Jahresgehalt von 10 bis 12 Millionen US Dollar und dazu kamen weitere Millionen durch persönliche Sponsorenverträge. Sportlich war die Rückkehr zwar fahrerisch solide, sie konnte aber nie an die einstige und absolute Dominanz der Ferrari Jahre anknüpfen und hat den Mythos zumindest ein Stück weit entzaubert. Im Tennis scheiterten in der Vergangenheit ebenfalls immer wieder einstige Weltstars beim Versuch, mit veralteten Mustern oder nach jahrelanger Abstinenz an alte Erfolge anzuknüpfen, was oft schmerzhaft anzusehen war.
Und wer glaubt, das sei ein reines Sportproblem, muss nur einen Blick in die Unterhaltungsindustrie werfen. Ein Stefan Raab zelebriert seine Rückkehr im deutschen Fernsehen heute vorzugsweise über genau solche inszenierten Boxkämpfe gegen Regina Halmich, anstatt den Legendenstatus unberührt zu lassen. Bei Raabs Comeback im Jahr 2024 ging es um unfassbare Summen. Der Kampf war der Auftakt für einen angeblichen 90 Millionen Euro Deal mit RTL. Regina Halmich, die sich für den Kampf reaktivieren ließ, erhielt Berichten zufolge eine Gage von rund 600.000 Euro. Auch internationale Boxlegenden machen bei diesem Zirkus fleißig mit. Mike Tyson stieg 2024 für geschätzte 20 Millionen US Dollar gegen den YouTuber Jake Paul in den Ring, während Paul selbst wohl rund 40 Millionen einstrich. Im Musikbusiness ist es noch offensichtlicher, wo Künstler wie Howard Carpendale oder andere Schlagergrößen gefühlt im Dreijahrestakt ihre endgültige Abschiedstournee ankündigen, nur um kurz darauf das unvermeidliche und extrem lukrative Comeback zu verkünden.
Warum funktioniert das also immer wieder und warum breitet sich aktuell vor allem aus den USA eine völlig neue Welle dieser Events aus? Die Antwort liegt in der veränderten Medienlandschaft des Jahres 2026. Was früher vereinzelte und mühsam organisierte TV Großereignisse waren, ist durch Streaming Giganten wie Netflix zu einem skalierbaren Geschäftsmodell geworden. Die USA walzen diesen Trend gerade deshalb so massiv aus, weil Plattformen und Algorithmen gelernt haben, dass Nostalgie die verlässlichste Währung für Aufmerksamkeit ist.
Das Problem dabei ist der psychologische Trick, der an uns Zuschauern vollzogen wird. Uns wird kein ehrlicher sportlicher Wettkampf verkauft, sondern das Versprechen, für ein paar Stunden ein Stück unserer eigenen Jugend oder Vergangenheit zurückzukaufen. Wir schalten ein, weil wir die alten Helden und Heldinnen noch einmal in ihrer Blütezeit sehen wollen. Doch geliefert bekommen wir eine künstlich gestreckte Mogelpackung, die einzig und allein darauf optimiert ist, Abos zu generieren und Werbeplätze zu verkaufen. Wenn das Spektakel vorbei ist, bleibt das bittere Gefühl, emotional manipuliert worden zu sein. Es geht bei diesen Comebacks fast nie um den Sport, die Kunst oder die Fans, sondern um einen reinen Cash Grab auf dem Rücken unserer Erinnerungen. Die Protagonisten beschädigen damit am Ende nur ihr eigenes Vermächtnis für einen schnellen Zahltag.
Fazit
Rousey gegen Carano war ein cleverer Schachzug von Netflix und die weltweiten Quoten dürften gigantisch gewesen sein. Aber für Fans des Sports oder der Sportler*innen war es eine riesige Enttäuschung. Es ist enorm schade zu sehen, wenn Idole sich für ein derart durchschaubares Spektakel hergeben und sich am Ende als Melkkühe einer gigantischen PR Maschine einspannen lassen. Gina Carano hat für mich persönlich nichts von ihrer Coolness eingebüßt, aber auf das nächste künstlich aufgeblasene Mega Event dieser Art würde ich liebend gern verzichten, aber das wird wohl die diesjährige Fußball Weltmeisterschaft sein, deren Finale erstmals auch eine Halbzeitshow haben wird, wie man sie sonst vom Superbowl her kennt. 🥲 Aber das ist eine andere Geschichte.




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