Game Over XBOX: P3 has left the Chat

Bereits im letzten Jahr habe ich an dieser Stelle die Frage gestellt: „Microsoft XBOX – Das Ende einer Ära?“. Damals war es ein ungutes Bauchgefühl, genährt von Massenentlassungen und einer immer diffuser werdenden Hardware-Strategie. Heute, nur wenige Monate später, hat sich das Fragezeichen in ein dickes Ausrufezeichen verwandelt.
Die Nachricht, dass Phil Spencer nach 38 Jahren bei Microsoft in den Ruhestand tritt und Sarah Bond fast zeitgleich das Unternehmen verlässt, ist mehr als nur eine Personalnotiz. Es ist der finale Akt einer Transformation, die ich als langjähriger Fan, seit dem „Brotkasten“, mit einer Mischung aus Nostalgie und echter Sorge beobachte. Es fühlt sich an, als würde das Herz der Marke endgültig durch einen Algorithmus ersetzt.
Sarah Bond: Die Architektin des digitalen Ausverkaufs

Ein Blick auf Sarah Bond zeigt eine steile Karriere. 2017 kam sie von T-Mobile US zu Microsoft, ausgestattet mit Abschlüssen aus Yale und Harvard. Sie war das strategische Gehirn hinter der Transformation von Xbox zu einem plattformunabhängigen Ökosystem. Doch genau hier setzt meine Kritik an, die ich auch in meinem letzten Artikel schon angedeutet habe.
Bond forcierte das Cloud-Gaming und den Game Pass als primäre Geschäftsmodelle. Was wirtschaftlich sinnvoll klingen mag, war für mich der erste Schritt zur Entwertung des Mediums. Durch das Modell „Spiele im Abo“ wurde das Videospiel zu einer austauschbaren Ware degradiert. Masse statt Klasse. Wenn jedes Spiel jederzeit „umsonst“ verfügbar ist, sinkt die individuelle Wertschätzung. Es ist ein schleichendes Outselling der Marke gewesen. Man verkauft nicht mehr das Erlebnis einer Konsole, sondern die bloße Verfügbarkeit von Content. Für Bond war die Xbox kein Herzensprojekt, sondern eine App, die auf jedem Toaster laufen sollte. Dass sie nun geht, nachdem das Fundament für diese Hardware-lose Zukunft gelegt ist, wirkt fast wie eine abgeschlossene Mission.
Phil Spencer: Der Reggie Fils-Aimé von Microsoft

Phil Spencer war für mich immer das Gegenstück zu Nintendos Reggie Fils-Aimé. Ein Executive, dem man das Gamer-Blut in den Adern abnahm. Wenn er mit seinem Gamertag P3 online war oder im T-Shirt auf der Bühne stand, fühlte man sich verstanden. Er hat 2014 ein Trümmerfeld übernommen und Xbox durch Abwärtskompatibilität und Studio-Käufe wie Bethesda und Activision Blizzard wieder Relevanz verschafft.
Doch blickt man auf seine 38 Jahre bei Microsoft zurück, sieht man auch den tragischen Helden. In den letzten Jahren wirkte Phil oft wie ein Puffer zwischen der Gaming-Community und der kühlen Konzernlogik von Satya Nadella. Nadella übernahm 2014 den CEO-Posten bei Microsoft und hat das Unternehmen radikal auf „Cloud First“ getrimmt. Während Spencer vermutlich mehr für die Hardware-Marke Xbox wollte, sah Nadella in Gaming wohl nur einen weiteren Datenlieferanten für seine Cloud-Infrastruktur. Phil verkaufte diesen Kurs stets mit guter Miene, aber zwischen den Zeilen war die Resignation spürbar. Er hat für Xbox gekämpft, aber gegen die übermächtige Vision eines CEO, der Gaming nur als Anhängsel sieht, hatte er letztlich keine Chance.
Die Series S/X und der Schmerz der Bedeutungslosigkeit
Es grummelt in meinem Bauch, wenn ich sehe, dass die Series S/X nahezu in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Die Hardware, die einst für technische Dominanz stand, ist zum Nebenschauplatz verkommen. Und der Ausblick macht es nicht besser: Wir gehen aktuell davon aus, dass die nächste Hardware zwar kommen wird, aber vermutlich erstmals mit Windows als Unterbau statt eines optimierten Xbox-OS.
Steam, Epic und der Xbox Store auf einer Plattform, was nach Freiheit klingt, ist technisch eine Kapitulation. Ein Windows-Unterbau ist ein Ressourcen-Fresser, der niemals die Effizienz eines dedizierten Konsolen-Betriebssystems erreichen wird. Die Konsole ist dann kein spezialisierter Gaming-Athlet mehr, sondern ein HTPC (Home Theater PC) im Konsolengehäuse. Ein PC von der Stange, der nur zufällig im Wohnzimmer steht.
Ein nüchterner Ausblick: Wer übernimmt das Ruder?
Die neue Führungsebene spricht eine deutliche Sprache:

- Asha Sharma (CEO Microsoft Gaming): Sie kommt direkt aus der CoreAI-Sparte. Zuvor war sie bei Meta und Instacart. Sharma ist eine Expertin für Skalierung und technologische Transformation, aber keine „Gamerin“ im klassischen Sinne. Ihre Ernennung ist das klare Signal: Die Zukunft von Xbox wird durch KI-Algorithmen und Cloud-Effizienz bestimmt, nicht durch kreative Risiken.

- Matt Booty (Chief Content Officer): Er ist der letzte Mohikaner mit echter Gaming-DNA. Er begann 1991 bei Midway Games (u.a. Mortal Kombat). Booty versteht die Entwicklungsprozesse, doch in der neuen Struktur wird er sich dem KI-Diktat von Sharma und der Cloud-Strategie von Nadella unterordnen müssen.
Am Ende ist der Rückzug von Phil Spencer mehr als nur der Abschied eines sympathischen CEOs. Es ist das Eingeständnis, dass die Xbox, wie wir sie kannten, im Mahlwerk der modernen Gaming-Industrie zerrieben wurde. Und das bereitet mir weit über die Hardware-Frage hinaus Sorgen um mein liebstes Hobby.
Es ist ja nicht nur die Konsole, die an Bedeutung verliert. Wir blicken auf eine Landschaft, in der echte Exklusivtitel, jene Spiele, für die man früher nachts vor dem Laden gewartet hat, zur Mangelware geworden sind. Stattdessen regieren Live-Service-Modelle und immer teurer werdende Blockbuster, bei denen die 80-Euro-Marke längst keine Hürde mehr darstellt den Markt. Wir zahlen immer mehr für Spiele, die sich oft weniger fertig anfühlen als früher und da verstehe ich jeden der sagt, dann investiere ich mein Geld lieber in den Game Pass.
Was mir dabei wirklich schwer im Magen liegt, ist der massive Kostendruck, der auf den Studios lastet. Hinter den glänzenden Trailern verbirgt sich oft eine bittere Realität aus unendlicher Crunch-Time und einer Atmosphäre, in der Herzblut der Effizienz weichen muss. Wenn Innovation nur noch am Shareholder-Value gemessen wird, bleibt die Kreativität auf der Strecke. Microsofts Fokus auf KI und Cloud mag an der Börse gefeiert werden, aber er entwickelt sich meilenweit an den Menschen vorbei, die einfach nur ein großartiges, mit Leidenschaft entwickeltes Spiel erleben wollen.
Phil Spencer hat lange versucht, diesen Spagat zu meistern. Den Konzern zufriedenstellen und gleichzeitig die Fahne für die Gamer hochhalten. Mit seinem Gehen reißt diese letzte Verbindung ab.
Wir bleiben zurück in einer Welt aus Abos, Algorithmen und seelenlosen Plattformen. Ich werde Phil vermissen, vor allem aber werde ich die Zeit vermissen, in der Videospiele sich noch wie ein Abenteuer anfühlten und nicht wie eine optimierte Zeile in einer Cloud-Statistik. Die Ära der Romantiker ist entgültig vorbei; jetzt regieren die Zahlen. Und das brennt mir, als jemandem, der selbst über 30 Jahre Videospiele spielt, wirklich in der Seele.




Kommentar verfassen