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Tjorben
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Einmal hin, alles drin? Einkaufen in Deutschland

Meine lieblings Staffel von der Netflix Serie Stranger Things ist neben der ersten, weil inhaltlich noch die Beste, die dritte Staffel. Warum? Weil sie mich beim Schauen auf eine Art und Weise gepackt hat, die gar nicht so viel mit dem Upside Down und dem Demogorgon zu tun hatte. Der eigentliche Star der Staffel war für mich die Starcourt Mall.
Wenn ich diese neonbeleuchteten, überbordenden Kulissen sehe, bekomme ich sofort Flashbacks in meine eigene Kindheit. Als Kind saß ich immer mit großen Augen vor dem Fernseher und war völlig fasziniert von diesen amerikanischen Shopping-Tempeln. Ein bisschen von diesem „Zauber“ gab es mit dem Ruhr Park in Bochum oder dem Rhein Ruhr Zentrum in Mühlheim zwar schon weit vor meiner Geburt in Deutschland, aber diese Zentren kannte ich lange Zeit gar nicht. Zudem waren sie zwar nach amerikanischem Vorbild entstanden, aber versprühen dennoch ein ganz anderes, eher biederes deutsches Flair. 1996 bekamen wir mit dem Centro in Oberhausen die erste „richtige“ Mall ins Ruhrgebiet und spätestens seit den 2000ern ploppten überall diese kleinen bis mittleren City Malls zur Revitalisierung der Innenstädte, wie die Thier Galerie in Dortmund auf. Die 80er und auch 90er waren aber einfach andere Zeit. Neon Schilder, Überfluss und eben noch nicht so clean und digital wie heute.
Ich weiß nicht, wie es bei Kindern heute ist, aber damals war der wöchentliche Großeinkauf mit der Familie kein lästiger Pflichttermin, sondern ein Ausflug, oft ging es nach dem Besuch im Wertkauf, Wal-Mart oder später real,- noch zu McDonald’s. Sicherlich aus heutiger Sicht nicht unbedingt das gelbe vom Ei, aber damals war es für mich als heranwachsender immer ein Highlight, an das ich heute, dennoch gerne zurück denke.
Gerade an Wal Mart. Ein Supermarkt, der den Namen wirklich verdient hatte. Eine riesige Obst- und Gemüse Abteilung. Die Kühlregale erstreckten sich in der Dortmunder Filiale über einige Meter und wurden dann von einer frisch Fisch Theke unterbrochen. Ich erinnere mich daran, dass man dort sogar Fisch und Krustentiere, lebendig aus dem Aquarium kaufen konnte. Etwas, was ich bis dahin nur aus dem Fernsehen und vielleicht mal der Metro kannte.
Schier endlose Regale mit Lebensmitteln aller Art und aus aller Welt, eine Auswahl, die bis heute kein anderer Supermarkt in dieser Vielfalt angeboten hat. Und dann das Non-Food-Paradies. Neben Kleidung, Schuhen und Haushaltswaren, konnte man auch Fahrräder, Waschmaschinen und einer beachtlichen Auswahl an Spielwaren auch Unterhaltungsmedien wie Videospiele, CDs, DVDs und Fernseher kaufen. Ein Konzept, dass der Nachfolger real,- mit dem Slogan „Einmal hin, alles drin“ wie ein Versprechen gab; auch wenn das Angebot von real,- deutlich eingeschränkter war als das von Wal Mart, wurde auch hier noch konsequent das Konzept eines echten All-in-One-Märkten verfolgt. Einkaufen war also mehr eine Entdeckungsreise, in einem kleinen Vergnügungspark.
Willkommen im Jahr 2026
Auch heute gehe ich immer noch gerne in Ruhe und ohne Zeitdruck einkaufen. Ich schaue gerne, was es so neues gibt. Lasse mich inspirieren und überraschen, was die Lebensmittelindustrie neues zu bieten hat. Aber der Zauber von einst ist verflogen und Einkaufen wird selbst für Menschen wie mich, immer mehr zum Albtraum.
Mein absoluter Endgegner ist dabei Kaufland. Dort, wo früher im Indupark Dortmund der Wal Mart und später real,-, mit Platz ohne Ende residierte, hat sich nun, mittlerweile auch schon vor rund 5 Jahren, Kaufland niedergelassen und die Verkaufsfläche massiv verkleinert. Anstatt den Platz den man hatte sinnvoll zu nutzen und breite Gänge zum gehen und stehen zu behalten, wurde der Laden zusammen gestaucht und die an sich breiten Hauptgänge und wenigen frei Flächen wurden bis auf den letzten Zentimeter zugestellt. Paletten, Werbeware, usw.. Wenn man sich meterhohen Paletten und Werbeaufstellern vorbeiquetschen muss, dabei ständig angerempelt wird und Slalom laufen muss, vergeht einem jede Lust am Stöbern. Der Klassiker man steht vor einem Regal und sucht etwas bestimmtes und steht dabei anderen Menschen im Weg, so dass man ständig vor und zurück muss. Oder es stellen sich einfach andere Menschen, direkt ins eigene Sichtfeld und suchen selbst etwas, merken dabei gar nicht, wie unverschämt sie sich gerade verhalten. Es nimmt einem schlicht die Luft zum Atmen und gerade bei Kaufland bin ich regelmäßig innerlich so wütend geworden, dass ich diesen Laden nur noch im Ausnahmefall betrete.
Hinzu kommt dieser systematische „Sortierungs“-Wahnsinn, bei dem Konserven kreuz und quer verteilt werden, weil man z.B. alles mit Tomaten direkt neben den Nudeln stehen haben muss. Fehlende Marken-Artikel aufgrund ewiger Preiskämpfe mit Herstellern und Angebote, die völlig willkürlich von Mittwoch bis Dienstag gelten und manches nur am Wochenende, wenn Sonne und Mond in einer Reihe mit dem Band des Orion stehen. Gepaart mit einem, sagen wir eher „speziellem“ oder anstrengenden Klientel, wird der Einkauf vom Erlebnis eher zum Überlebenskampf.
Die letzte Bastion
Selbst Orte, die sich lange gegen diesen Trend gestemmt haben, mussten sich umorientieren. Nehmen wir beispielsweise die Metro. Zugegeben, sie ist nicht für jedermann zugänglich, aber war lange Zeit, gerade nach dem Wegfall von Wal Mart und später auch real,- das letzte All-in-One Paket, dass es hier in der Region so gab. Früher konnte man sich dort in riesigen Non-Food-Bereichen verlieren. In den letzten Monaten wurden diese Filialen aber auch arg verkleinert. Das Sortiment wurde massiv eingedampft, oft wurde die ganze obere Non-Food-Etage wurden einfach geschlossen und andere Bereiche lieblos mit Leichtbauwänden zugebaut. Auch die Kantinen, die für Mitarbeiter und Kunden zugänglich waren, wurden komplett geschlossen. Der Fokus liegt mittlerweile fast nur noch darauf Gastronomie-Betriebe zu versorgen. Hier gehe ich nur noch hin, wenn ich spezielle Dinge haben möchte, die ich im normalen Supermarkt so nicht bekomme.
Ein anderes Bild zeigt sich bei Globus. Eine Handelskette, die mir lange Zeit nur aus dem Süddeutschen Raum bekannt war, obwohl sie ihre Ursprünge tatsächlich in meiner Heimat NRW hat, expandierte 2021, mit der Zerschlagung von real,- auch in ins Ruhrgebiet. Filialen in Essen, Bochum und Castrop wurden eröffnet. Erst gestern war ich wieder in der Markthalle in Castrop, obwohl Bochum deutlich näher dran wäre, lohnt sich die Fahrt dahin. Die Filiale in Essen wurde mittlerweile wieder geschlossen und dort hausiert nun ebenfalls Kaufland. Auch wieder mit verkleinerter Fläche un zugestellten Gängen. Das Kronenberg Center in Essen haben wir seit dem nur noch ein einiges Mal besucht.
Doch in Castrop macht Globus für mich fast alles richtig. Breite Gänge, geniale Frischetheken, uns sogar ein eigenes Restaurant, wie man es von IKEA oder der von der früheren Metro kennt. Der Non-Food-Bereich ist deutlich abgespeckter als bei real,- und Wal Mart, bietet dabei dennoch mehr als Kaufland an.
Aber auch Globus kämpft. Einige der übernommenen real,- Standorte mussten schon wieder geschlossen werden, wie die angesprochene Filiale in Essen. Der deutsche Kunde ist von Aldi und Lidl auf absolute Effizienz und billige Preise gedrillt und scheint dieses gigantische Konzept auf der großen Fläche schlicht nicht anzunehmen. Auch von Bekannten höre ich immer wieder, dass sie große Läden hassen, und lieber in einen kleinen Discounter gehen, um schnell wieder raus zu sein. Ich kann das nach einem stressigen Arbeitstag zwar verstehen, dann husche ich auch nur schnell in den Penny, wenn ich noch ein paar Kleinigkeiten brauche, aber das wäre für mich nichts, was die Jagd nach „Loot“ im großen Einkaufsparadies ersetzen könnte.
Supermärkte als Kultur-Spiegel
Dabei ist es heute eigentlich nur noch ein absoluter Mythos, dass wir in Deutschland die billigsten Lebensmittel in Europa haben. Wer hierzulande einkaufen geht, zahlt mittlerweile europäisches Mittelmaß, bekommt aber oft nur Spar-Standard geboten. Ich fahre darum regelmäßig zum Einkaufen in die Niederlande zum Albert Heijn XL nach Venlo, Roermond oder Kerkrade, hin und wieder auch nach Belgien und seltener mal nach Luxemburg, schlichtweg, weil es dort Produkte gibt, die man hier im Regal vergeblich sucht und die Qualität gerade bei Obst und Gemüse noch mal deutlich besser ist. Letzteres gilt meist auch für Fleisch.
Fairerweise muss ich dazu aber auch sagen, wer sich in den Niederlanden den Wagen mit Cola, Schokolade und Chips volllädt, wird an der Kasse erst mal schlucken. Durch staatliche Lenkung wie die Zuckersteuer sind Softdrinks, Süßkram und Junkfood dort empfindlich teurer geworden. Lässt man das aber aus dem Spiel, sind viele Grundnahrungsmittel dort oft sogar günstiger als bei uns.
Sobald ich eine Landesgrenze übertrete, stehen große Supermärkte für mich ganz oben auf der To-Do-Liste, direkt neben den wichtigen Sehenswürdigkeiten und besonderen Restaurants. Nicht nur, weil ich dort neue Produkte und Geschmäcker kennenlernen kann, sondern weil ein Besuch in einem ausländischen Supermarkt für mich unfassbar viel über die Kultur des jeweiligen Landes aussagt.
Neben meinen Touren in die Benelux-Länder und Frankreich habe ich noch einige Supermarkt-Erfahrungen in Italien, Irland, der Schweiz und in Dänemark gemacht. In Dänemark stand ich zudem fasziniert vor absurden Packungsgrößen, die bei uns maximal die Metro verkauft und teilweise nicht mal das. Doch mich hat interessiert, wie das Thema in anderen Ländern rund um den Globus gehandhabt wird und meine Recherche-Ergebnisse zeigen sehr deutlich, was uns hier in Deutschland entgeht.
Schauen wir auf das Land, das ich ausschließlich einkaufstechnisch liebe: Frankreich. Die französischen Hypermarchés wie Carrefour, Auchan oder E.Leclerc sind eine völlig andere Liga. Ja, die Franzosen zahlen im Schnitt generell mehr für ihre Lebensmittel als wir, aber sie tun es mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit. Dort hat Essen, Frische und Genuss einfach einen viel höheren kulturellen Stellenwert und die Menschen sind bereit, dafür Geld auszugeben.
Genau das spiegelt sich in den Läden wider. Was mich beim letzten Frankreich-Urlaub wirklich begeistert hat, war, wie viel Raum man hier zum Einkaufen hat und wie breit das Sortiment in jeglicher Hinsicht ist. Was allein die Obst- und Gemüse-Abteilung angeht, das wäre hier schon die Hälfte einer Aldi-Filiale. Frische Backwaren, Frischetheken mit einer schier endlosen Auswahl, Non-Food-Bereiche, wie man sie teilweise nicht mal von Wal-Mart in Deutschland kannte. Und neben all dem gibt es nahezu in allen dieser riesigen Konsumtempel auch noch Inseln für Popkultur. Gerade aus dem Gang mit Cornflakes abgebogen, steht man plötzlich vor Wänden voller Funko Pops, Anime-Merch, Videospielen und einer riesigen Comic-Auswahl. Nicht nur Micky Maus Hefte, sondern Sammlerbände, Trade Paperbacks, US-Comics und frankobelgische Alben. In Frankreich ist Popkultur eben vor allem eins: Kultur. Und das bis in den Supermarkt hinein.
Und sonst so?
Aber auch der Rest der Welt lässt uns beim Thema „Einkaufs-Erlebnis“ alt aussehen:
Asien: Wer den ultimativen „Supermarkt als Vergnügungspark“ sucht, wird wohl in Japan oder Südkorea bei Ketten wie AEON fündig. Das sind oft mehrstöckige Shopping-Tempel inklusive eigener Arcade-Hallen und riesiger Food-Courts. Einkaufen als echtes Wochenend-Event und für mich definitiv eine weitere abzuhakende Checkbox auf meiner Reisewunsch-Liste.
Europa: In Südeuropa wie Spanien und Italien wird der Einkauf in riesigen Centern mit gigantischen Frischetheken weiterhin zelebriert. Und auch in Osteuropa, z.B. Polen und Tschechien, wächst das „Alles unter einem Dach“-Konzept, oft mit Läden, die das Shopping-Mall-Gefühl direkt in den Supermarkt holen. Hier hat man oft einen großen Supermarkt mit vielen kleinen und mittleren Fachgeschäften unter einem Dach.
USA: Dort dominieren trotz des Malls-Sterbens weiterhin die gigantischen Targets und Walmart Supercenter. Gerade letztere haben mit durchschnittlich über 16.000 Quadratmetern Fläche, mehr als zwei Fußballfelder, so viel Platz, dass man wortwörtlich alles vom Autoreifen über Waffen bis zur Zucchini bekommt. Ich muss auch unbedingt mal nachts durch so einen riesigen Wal-Mart schlendern, übergroße Tüten Lay’s, Pop-Tarts und Sprühkäse kaufen und danach noch einen Snack im Taco Bell oder White Castle futtern.
Geiz war nie geil
Warum all das bei uns also nicht funktioniert? Die Antwort ist so simpel wie frustrierend. Wir sind im europäischen Vergleich extrem preissensibel oder, um es mal deutlich auszusprechen, einfach geizig. Für die breite Masse zählt am Ende nur die nackte Summe auf dem Kassenbon, das Erlebnis oder gar die Qualität bleiben auf der Strecke. Gleichzeitig haben Amazon und Co. den margenstarken Non-Food-Bereich fast komplett aufgesaugt. Ohne diese lukrative Quersubventionierung rentieren sich diese riesigen Flächen für Betreiber wie Kaufland oder Globus in Deutschland schlichtweg nicht mehr.
Dabei will ich mich hier gar nicht als Moralapostel aufspielen, mit dem Finger auf andere zeigen oder mich über irgendwen erheben. Wenn es im Alltag schnell gehen muss, stehe ich genauso beim Aldi oder Penny an der Kasse. Und aus reinen Effizienzgründen lasse ich mir auch hin und wieder den Einkauf von Rewe oder Picnic bis vor die Haustür liefern. Es sollte individuelle Möglichkeiten für jeden geben und ehrlicherweise sind wir da in Deutschland letztendlich gar nicht mal so schlecht aufgestellt. Nur in Sachen Billigfleisch und grundsätzlicher Lebensmittelqualität sollten wir wirklich alle noch mal schauen, ob dieser radikale deutsche Sparkurs der richtige Weg ist.
Ich für meinen Teil weigere mich jedenfalls, diesen klaustrophobischen Überlebenskampf im Werbeaufsteller-Labyrinth bei Kaufland als den neuen Standard für den großen Wocheneinkauf zu akzeptieren. Ich möchte in Ruhe stöbern, Neues entdecken und das Gefühl haben, dass Einkaufen auch einfach mal Spaß machen darf. Ob sich hierzulande irgendwann, vielleicht durch ein Wunder, wieder die Erkenntnis durchsetzt, dass „Geiz ist geil“ eine große Lüge war? Ich glaube es zwar nicht, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Solange nutze ich die Möglichkeiten, die ich habe, fahre weiterhin zur Globus Markthalle nach Bochum oder Castrop, zum Edeka in Mülheim oder zum Marktkauf in Dortmund und werde regelmäßig den Kofferraum in den Niederlanden, Frankreich und bei unseren anderen Nachbarn vollmachen.
Ein bisschen „Einmal hin, alles drin“-Gefühl gönne ich mir dann nämlich doch noch. Dabei muss ich mir allerdings auch eingestehen. ich jage oft genau dem hinterher, was die dritte Staffel Stranger Things bei mir geweckt hat, einem warmen Gefühl von Nostalgie. Aber das ist eben letztlich eben nur eine Erinnerung an eine vergangene Zeit. Der Versuch, so etwas krampfhaft in die Moderne zu zwingen, geht selten gut aus. Die Wissenschaftler in Jurassic Park dachten schließlich auch, es wäre eine wahnsinnig gute Idee, längst ausgestorbene Giganten in die Gegenwart zurückzuholen und wir wissen alle, wie das geendet ist. Vielleicht ist die Zeit der großen deutschen Supermarkt-Dinosaurier einfach vorbei. Ich nehme das wohlige Gefühl der Starcourt Mall und die Erinnerungen aus meiner Kindheit im Wal-Mart gerne mit, aber ich akzeptiere auch, dass Einkaufen im Jahr 2026 am Ende eben meistens nur eins ist: einkaufen gehen.




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