Disney Vaiana (2026)

Wie die meisten wohl wissen, bin ich ein ziemlich großer Disney Fan und kann auch heute, mit meinen 40 Jahren, den meisten Filmen aus dem Haus der Maus noch einiges abgewinnen. Vielleicht, weil ich mich jedes Mal in meine Kindheit zurückversetzt fühle und es meistens schaffe, zumindest im Kino, den kindlichen Blick einigermaßen zu bewahren. Darum ging ich am vergangenen Wochenende auch wieder ins Lichtspielhaus meines Vertrauens, um mir das neue Live Action Remake von Vaiana anzusehen.
Im großen und ganzen geht es in Vaiana, so spoilerfrei wie möglich, um die junge, willensstarke Tochter eines polynesischen Inselhäuptlings, die eine tiefe, fast magische Verbindung zum Ozean spürt. Als eine mysteriöse Dunkelheit ihre Heimatinsel bedroht und die Lebensgrundlage ihres Volkes zerstört, setzt sie sich über die strengen Verbote ihres Vaters hinweg. Sie segelt hinaus aufs offene Meer, um den einstigen Halbgott Maui aufzuspüren, mit dessen Hilfe sie das gestohlene Herz der Naturgöttin Te Fiti zurückbringen muss, um das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen.
Der Film begeisterte damals zum einen durch seine visuelle Ästhetik, vor allem wie Disney das Wasser darstellen konnte, war damals absolut top notch. Aber auch der Witz saß und die Charaktere waren gut ausgearbeitet. Ein weiterer Punkt war wohl, dass Vaiana die erste polynesisch indigene Hauptfigur in einem Disney-Film ist.
Dieser kulturelle Fokus war ein entscheidender Faktor für den globalen Erfolg des Films, der weltweit fast 700 Millionen US Dollar an den Kinokassen einspielte und bis heute zu den meistgestreamten Titeln überhaupt gehört. Disney ging bei der Entwicklung neue Wege und gründete den Oceanic Story Trust, eine Gruppe aus lokalen Anthropologen, Historikern, Tätowierern und Linguisten aus den pazifischen Inselstaaten, um die Mythen, die Musik und die Traditionen der polynesischen Völker so respektvoll und authentisch wie möglich abzubilden.
Die Darstellung dieser Kultur kam generell extrem gut an, auch weil Disney sich von Fachleuten aus der Region beraten ließ. Es gab aber natürlich auch kritische Stimmen. Einige bemängelten, dass der Film viele eigentlich sehr unterschiedliche pazifische Kulturen zu einem stark vereinfachten Gesamtbild vermischte. Auch das optische Design von Maui stieß mancherorts auf Kritik, weil er sehr klischeehaft übergewichtig wirkte. Vaiana selbst wurde dagegen fast überall als starke und selbstbestimmte Heldin gefeiert.
Des Kaisers neue Kleider
Mit diesem riesigen Erbe und dem gigantischen Erfolg im Rücken ging ich natürlich mit einer gewissen Erwartungshaltung ins Kino. Anders als noch das Original lief das Live Action Remake diesmal leider nicht in 3D. Im Nachhinein war das zwar kein massiver Nachteil weil 3D das Seherlebnis vermutlich eh nicht spürbar aufgewertet hätte aber echtes IMAX 3D ist für mich trotzdem immer noch eine Klasse für sich. Was mich jedoch wirklich enttäuscht hat war die unvollständige Nutzung der riesigen IMAX Leinwand. Immer wenn ich explizit darauf geachtet habe waren oben und unten dicke schwarze Balken im Bild zu sehen. Ein Weltuntergang ist das zwar auch das nicht aber wenn ich schon das IMAX Ticket buche hoffe ich natürlich auf das vollflächige Gesamtpaket für die maximale Immersion.
Diese visuelle Zurückhaltung setzt sich leider auch im Film selbst fort. Inhaltlich ist die neue Version mehr oder weniger eine eins zu eins Kopie des Originals. Hinter den Kulissen zog übrigens Thomas Kail die Regiefäden der vor allem durch die Inszenierung des Broadway Erfolgs Hamilton bekannt wurde. Trotz dieser musikalischen Expertise hält sich der Film extrem strikt an die bekannte Vorlage. Die Story ist absolut identisch und die Szenenabfolge ist es ebenso. Mir wäre im Kinosaal nichts aufgefallen was erzählerisch nennenswert verändert oder mutig abgewandelt wurde. Und das obwohl das Remake mit einer Laufzeit von rund 111 Minuten etwa acht Minuten länger ist als das Original von 2016. Diese zusätzliche Zeit wird eher für visuelle Übergänge oder leicht gedehnte Einstellungen genutzt statt der bekannten Geschichte neue Facetten zu verleihen.
Auch bei den Songs bleibt fast alles beim Alten. Lin-Manuel Miranda hat zwar tatsächlich einen neuen Song namens „Along The Way“ für den Film geschrieben aber der ist mir beim Schauen gar nicht bewusst als neu aufgefallen. Das liegt vermutlich daran dass er sich extrem stark an den bekannten musikalischen Motiven orientiert und sich fast schon zu nahtlos in den restlichen Soundtrack einfügt.
Wenn Realität auf CGI trifft
Ein Punkt der mich im Kino immer wieder herausgerissen hat war die Darstellung der tierischen Begleiter. Dass Disney Tiere in Realfilmen eigentlich hervorragend und überzeugend darstellen kann haben sie in der Vergangenheit oft genug bewiesen. In den Remakes vom Dschungelbuch, Susi und Strolch oder dem König der Löwen sahen die Tiere extrem realistisch aus und selbst der außerirdische Stitch im Realfilm wirkte greifbarer.

Hier bei Vaiana stand das Team jedoch vor einer echten gestalterischen Gratwanderung. Das herrlich irre Huhn HeiHei lebt von seiner völlig überzeichneten Comic-Mimik und seinen absurden Aktionen. Als komplett realistisch animierte Vogelfigur hätte dieser Charakter als humorvolles Element im Film wohl gar nicht funktioniert. Um HeiHei in seiner gewohnten Form zu retten musste er also zwingend cartoonhaft bleiben. Und um innerhalb der tierischen Begleiter die visuelle Kontinuität zu wahren hat man dann vermutlich auch das Schweinchen Pua in diesem stark stilisierten Look gelassen obwohl man ihn problemlos extrem realistisch und niedlich hätte darstellen können. Das Ergebnis ist ein ständiger optischer Bruch mit der ansonsten eher auf Realismus getrimmten Umwelt.
Dieser bunte Comiclook der Tiere wirkte auf mich vor dem Hintergrund der echten Kulissen einfach befremdlich. Seltsamerweise funktionierten die Kakamora, diese kleinen Kokosnuss-Piraten, in ihrer ganzen Art in dieser Welt viel besser. Obwohl sie optisch ebenfalls sehr comic-haft gestaltet sind wirkten sie in den Szenen deutlich glaubhafter und integrierter als die tierischen Sidekicks.
Visuell hatte der Film ohnehin seine extremen Höhen und Tiefen. Auf der einen Seite sieht die Welt unheimlich toll und einladend aus. Alles ist sehr poppig, extrem farbenfroh und hyperrealistisch gestaltet. Stellenweise erinnert die strahlende Beleuchtung der polynesischen Inselwelten fast schon an diesen sauberen, glänzenden Frutiger Aero Stil mit seinem unwirklich perfekten blauen Wasser und den leuchtenden Farben. Auch die Kleidung der Schauspieler ist disneytypisch sehr clean und wirkt fast schon ein wenig überstilisiert was diesen künstlich-schönen Look noch verstärkt.
Genau hier liegt aber auch das Problem. Die Integration der realen Schauspieler in diese digitale Traumwelt, das sogenannte Compositing, wirkt oft extrem unecht. Man sieht den Figuren fast durchgehend an dass sie vor einem Green Screen standen weil die Kanten unnatürlich weich wirken und das künstliche Licht nicht zu den Hintergründen passt. Um das zu kaschieren wurde sehr offensichtlich viel mit dem Weichzeichner gearbeitet.
Besonders deutlich wird das bei Maui. Dwayne Johnson ist als mystische Figur im Grunde der Einzige unter den Menschen der einen gewissen Comic-Charme verkörpern soll. Er hat für die Rolle ein massives, künstliches Muskel-Bodysuit tragen müssen um den gewaltigen Proportionen der Vorlage irgendwie nahezukommen. Das führt im Film zu dem bizarren Effekt dass sein Kopf im Vergleich zum extrem bulligen Körper viel zu klein wirkt. Zusammen mit dem etwas zu schmal und alt wirkenden Gesicht, der langen, oft sehr künstlich fallenden Perücke und den digitalen Tattoos kippt die visuelle Illusion in den Nahaufnahmen regelmäßig. Was in der Animation noch hervorragend funktionierte sieht hier stellenweise leider wie eine Kopie mit sehr begrenzten Mitteln aus.
Wo Schatten ist, da ist natürlich auch Licht

Trotz all der visuellen Diskussionen darf man eines nicht vergessen. Die Geschichte von Vaiana besitzt ein emotionales und erzählerisches Fundament das einfach bombenfest ist. Das funktioniert am Ende eben auch in einer Realverfilmung weil die Kernbotschaft und der Geist des Originals nach wie vor spürbar sind. Und das liegt zu einem ganz großen Teil an den Menschen vor der Kamera die mit unheimlich viel Spielfreude bei der Sache sind.
Die junge Newcomerin Catherine Laga’aia wirft sich mit einer fantastischen Energie in die Titelrolle. Sie bringt genau diesen unbändigen Willen, den Mut und die sympathische Sturheit mit die Vaiana als Charakter überhaupt erst ausmachen. Man nimmt ihr die tiefe Verbundenheit zum Meer und die Zerrissenheit zwischen der Pflicht gegenüber ihrem Volk und dem Drang nach Freiheit in jedem Moment ab. Für eine Newcomerin in einem so gigantischen Blockbuster ist das eine absolut beachtliche Leistung.

Auch Dwayne Johnson tut genau das was er am besten kann. Man merkt ihm in jeder einzelnen Sekunde an wie sehr er diese Rolle liebt und wie viel Herzblut er in die physische Verkörperung von Maui steckt. Er spielt den egozentrischen aber im Grunde verletzlichen Halbgott mit einer extremen Leichtigkeit und einem spitzbübischen Charme. Die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren stimmt einfach und trägt den Film auch über die Passagen hinweg in denen die visuelle Umsetzung vielleicht etwas schwächelt.
Dazu kommt der restliche Cast der die polynesische Inselgemeinschaft mit viel Würde und Herzlichkeit ausfüllt. Die Dynamik innerhalb von Vaianas Familie fühlt sich echt an und sorgt dafür dass die emotionale Motivation der Reise von der ersten Minute an absolut greifbar bleibt. Wer das Original mag wird sich bei den Charakteren trotz des neuen Gewands sofort wieder wie zu Hause fühlen.
Die Tücken der deutschen Fassung
Es gibt jedoch ein Problem das gar nicht mal unbedingt am Film selbst liegt sondern an den Eigenheiten der deutschen Synchronisation. Animation ist in dieser Hinsicht einfach unglaublich verzeihlich. Wenn eine gezeichnete Figur singt akzeptiert unser Gehirn viel leichter wenn die Körpersprache und Lippenbewegungen nicht perfekt zum Ton passen. Im echten Leben bei realen Schauspielern bin ich zumindest da viel sensibler.
In der Realverfilmung merkt man leider sofort wenn die Sprech- und die Singstimmen einer Figur nicht identisch sind und das im Live Action Kontext schnell unnatürlich wirkt. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Songtexte. Die ohnehin schon sehr sperrigen deutschen Übersetzungen liegen hier alles andere als lippensynchron auf den Gesichtern der Schauspieler. Besonders deutlich wird dieser Bruch beim Chief und ganz extrem bei Maui wenn gesungen wird. Das hat mich leider immer wieder ein Stück weit aus der musikalischen Immersion heraus gerissen und ist am Ende eben ein hausgemachtes Problem der deutschen Fassung. Ich würde mir wünschen, dass Disney hier vor allem wieder losere Übersetzungen, wie noch in den 1990er Jahren zulassen würden, die dann aber viel besser klingen und wahrscheinlich auch leichter auf die Mundbewegungen und Körpersprache adaptiert werden könnten.
Alterntativ sollte ein Studio wie Disney heute in der Lage sein, die Lippen mittels künstlicher Intelligenz einfach auf die jeweilige Landessprache anzupassen. Im zweifel sogar durch die Nahaufnahme der Münder der Synchronsprecher umd die jeweilige Mundbewegung der der Takes einfach auf den Schauspieler zu übertragen. In Animationsfilmen wird das zum Teil schon gemacht, warum also nicht auch hier? Gerade bei Musical Filmen würde das Weltweit für alle Zuschauer, die eine synchronisierte Fassung schauen, einen unheimlichen Mehrwert bieten.
Fazit
Die Geschichte von Vaiana bleibt fantastisch und sie funktioniert im Grunde auch als Realverfilmung weil das erzählerische Fundament einfach bombenfest steht. Die Charaktere besitzen nach wie vor ihren Grundcharme und handwerklich wird hier trotz aller meiner Kritikpunkte auf einem wirklich hohen Disney Niveau produziert von dem sich manch anderes Studio mehr als eine Scheibe abschneiden könnte.
Für mich persönlich gab es am Ende aber einfach zu viele handwerkliche und inszenatorische Dinge zu bemängeln weshalb ich bei einer Wertung von 2,5 von 5 Sternen lande. Ich hatte im Kinosessel kurz an 3 Sterne gedacht aber ich habe einfach gemerkt dass ich zu viel zu mäkeln hatte um ihn besser zu bewerten. Schlechter ist er aber keineswegs und das Erleben im Kinosaal ist eben extrem individuell. Wer das Original nicht kennt oder genau dieselbe Geschichte noch einmal in echt auf der großen Leinwand erleben will kann sich den Film durchaus angucken.
Ob es dieses Remake nun gebraucht hätte. Diese Frage muss sich am Ende wohl jeder selbst beantworten. Wenn man sich die aktuellen Einspielergebnisse anschaut scheint die breite Masse jedenfalls nicht unbedingt darauf gewartet zu haben. Nachdem ich den Film gesehen habe ist das für mich auf der einen Seite verständlich auf der anderen Seite aber auch wirklich schade. Mit mehr Mut Dinge auch mal anders zu machen und eben nicht nur ein direktes Abziehbild zu erstellen hätte Disney hier sicherlich deutlich mehr Leute ins Kino locken können. So denken sich viele Menschen mittlerweile vermutlich dass sie auch einfach warten können bis der Film in ein paar Monaten ohne Aufpreis auf Disney+ läuft. Das ist eine schleichende und gefährliche Entwicklung für die gesamte Kinolandschaft aber das ist am Ende noch mal ein ganz anderes Thema.
Ich für meinen Teil schaue die Tage auf jeden Fall noch mal das Original.




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