Als Gaming noch ein Ort war

The Curse of Dortmund Island
Gemini_Generated_Image_hwpm51hwpm51hwpm-1024x285 Als Gaming noch ein Ort war

Ich bin ja nun langsam aber sicher alt und habe mittlerweile die 4 vorne stehen. Unweigerlich schwelge ich also auch mal in Erinnerungen der guten alten Zeit, meiner Kindheit und Jugend. Ach ja und früher war eh alles besser. Naja, nicht unbedingt besser, aber anders. Heute habe ich an eine Zeit gedacht, in der mein Taschengeld noch in D-Mark war und ich freitagsabends nicht in die Disco sondern zu der Videospiel-Institution Games World direkt am Rand der Dortmunder Innenstadt wollte. Dortmund war für mich damals eine Oase für mein liebstes Hobby Videospiele und gleichzeitig ein Tor zu so viel mehr.

Wer die 1990er hier miterlebt hat, kennt vielleicht auch noch Namen wie Gaming Express oder Dynatex, aber mein ganz persönlicher Fixpunkt war Games World in der Hamburger Straße. Dieser kleine Laden, vollgestopft mit Videospielen für das Super Nintendo und die PlayStation, war wuselig und für meinen besten Freund und mich so was wie ein zweites Wohnzimmer. Irgendwann vergrößerte sich das Geschäft, zog an den Brüderweg, Ecke Stiftstraße und nannte sich plötzlich Games Land. Irgendwie widersinnig, den Laden zu vergrößern und dann den Namen von World zu Land zu ändern, aber gut, die Inhaber werden sich irgendwas dabei gedacht haben.

Das Konzept war so genial wie simpel. Es war quasi eine Videothek für Spiele, also eine Ausleihe. Analoges Netflix nur ohne Flatrate, man bezahlte pro Tag und Spiel ein paar Mark. Man konnte also die neuesten oder auch ältere Spiele ausleihen, durchspielen und hatte somit trotz geringem Taschengeld die Möglichkeit, immer mal wieder was Neues zu spielen. Irgendwann wurden ältere Spiele auch günstig verkauft und hin und wieder konnte man seine eigenen Spiele auch mal in Zahlung geben und so direkt etwas Neues mit nach Hause nehmen.

Irgendwann kannte ich die Gesichter hinter der Ladentheke und Kunden im Geschäft und man kam mal ins Gespräch, fachsimpelte stundenlang über Importe, Cheat Codes oder Tipps und Tricks bei Stellen, die sehr schwer zu schaffen waren.

Wenn ich heute an diesen Ort zurückdenke, schwingt da immer eine ordentliche Portion Wehmut mit. Den Laden gibt es natürlich schon lange nicht mehr. In den alten Räumlichkeiten von Games World war jahrelang ein Shisha Bedarf-Laden und als auch Games Land dann die Pforten schloss, zog nach einiger Zeit des Leerstands mit Mc Price Do ein Ramschladen dort ein, der Geschenkartikel und Restposten verscherbelt. Dennoch denke ich immer wieder, wenn ich da mal vorbeikomme, wie damals die fetten schwarzen Blöcke mit ausgeschnittenen Buchstaben auf orangenem Grund für mich ein Stück Glück bedeuteten.

Dynatex

Neben unserem wuseligen Wohnzimmer Games World gab es in der Innenstadt natürlich noch diesen einen großen Namen: Dynatex an der Brückstraße. Wobei diese Location für mich nicht einfach nur irgendein Ladenlokal im Brückcenter war. Das Gebäude selbst war für mich schon immer ein ganz besonderer Ort. In genau diesem Komplex befand sich nämlich das altehrwürdige Kino Capitol. Man betrat das Kino damals über Treppen die ins Untergeschoss führten, heute ist dieser Zugang mit Bodenplatten verbaut. Im Capitol habe ich als Kind und Jugendlicher so manchen Film gesehen, lange bevor der riesigen CineStar am Hauptbahnhof Ende 1997 überhaupt eröffnet wurde. Eines meiner ganz großen Highlights dort auf der Leinwand war im Sommer 1997 zum Beispiel Lost World Jurassic Park 2.

In meiner Erinnerung ploppte Dynatex zwar erst später als Games Land auf, war aber schon schon einige Jahre dort vorhanden. Als ich den Laden das erste Mal betrat wirkte im Vergleich zum Games Land, dunkler, eine Spur professioneller, aufgeräumter und cleaner. Es war die Anlaufstelle, wenn man Hardware brauchte oder richtig Geld für teure Importe auf den Tisch legen wollte. Auch Anime VHS und Merchandise spielten in dem Laden eine Rolle, doch dazu demnächst in einem anderen Beitrag etwas mehr.

Lange Zeit dachte ich, ich hätte die Dortmunder Szene damals als Jugendlicher ganz gut überblickt. Aber dass ich eigentlich nur einen winzigen Bruchteil der ganzen Dynatex-Story kannte, ist mir erst vor Kurzem klargeworden. Ich bin nämlich über einen absoluten Nostalgie-Goldschatz gestolpert: Eine Sonderfolge des retroplace Podcasts. Dort packen der ehemalige Dynatex-Mitarbeiter Jörg und Stammkunde Dennis fast anderthalb Stunden lang Anekdoten aus, bei denen einem heute wirklich die Ohren schlackern. Durch den Podcast wurde mir erst bewusst, was für einen massiven Einfluss Dynatex damals gehabt hat. Dass sie 1993 sogar eine riesige zweite Filiale in Essen eröffneten und dabei einige der Turrican-Entwickler von Factor 5 als Stargäste da hatten, ging komplett an mir vorbei. Mehr solcher Anekdoten könnt ihr in der Spezial Folge von retroplace selber nachhören oder auch im Spezial „The Final Ladendfront“ von OhrBit auf YouTube schauen.

Anfang der 2000er Jahre verschwand der Laden dann recht plötzlich von der Bildfläche. Der traurige Grund war das Ableben des Gründers Hans-Jürgen Kral. Ohne ihn wurde das Geschäft kurz darauf vom Insolvenzverwalter abgewickelt und die Ära Dynatex war von heute auf morgen Geschichte.

Aber das Ausleihen und Kaufen beschränkte sich ja nicht nur auf die reinen Nerd-Hochburgen in der Innenstadt. Wer auf der Suche nach dem ganz heißen Scheiß aus Übersee war, landete zwangsläufig bei Gaming Express. Dort verschwamm die Grenze zwischen Spiele-Fachgeschäft und klassischer Videothek. Hier wurden unter der Ladentheke auch Umbauten von Konsolen und sogar gebrannte Kopien von Spielen verkauft, heute undenkbar, damals sicher ein nettes Zubrot für den einen oder anderen Mitarbeiter.

Vor Netflix und Game Pass

Manch einer erinnert sich vielleicht auch noch an die klassischen Videotheken. Der Videoring an der Höfkerstraße in Dorstfeld war für mich damals so ein Pionier-Laden. Die hatten tatsächlich einen extra Eingang für die Kinder- und Jugendvideothek. In allen anderen Videotheken war zu dieser Zeit der Zutritt unter 18 Jahren generell nicht gestattet und so musste meistens Mama in die Videothek rennen mit einer Liste an Spielen und Filmen und dann wieder zur Tür huschen mit einer Auswahl dessen, was sie gefunden hatte, damit wir dann entscheiden konnten, was wir letztendlich haben wollten. Hier war der Videoring in Dorstfeld echt ein Game Changer, weil ich dort öfters auch mal mit dem Fahrrad alleine hinfahren konnte um an ein neues Spiel oder auch mal einen Film zu kommen.

Später krempelte dann der Video Buster an der Bornstraße das Konzept komplett um. Alles wurde heller, offener und zugänglicher für die breite Masse. Neben den neuesten DVDs und noch etwas später den ersten Blu-rays gab es dort eine beachtliche Auswahl an Videospielen zum Ausleihen. Das Geschäft war riesig, aber wie es das Gesetz der Videotheken damals vorschrieb, gab es für die richtig harten Sachen diesen einen ominösen Raum: den 18er-Bereich. Gesonderter Eingang, blickdichte Tür mit fetter Warnung Zutritt für Personen unter 18 Jahren nicht gestattet.

Da dort nicht nur Actionfilme und Spiele ab 18 standen, sondern traditionell auch das gesamte Hardcore-Porno-Sortiment untergebracht war, kam es hin und wieder zu echten, nennen wir es mal kulturellen Kollisionen. Als Return to Castle Wolfenstein für den PC erschien, war ich noch keine 18. Also musste meine Mutter ran. Ich schickte sie in den Video Buster, um mir das Spiel aus diesem verbotenen Raum auszuleihen. Sie ging ahnungslos durch diese Tür und kam Minuten später mit einem hochroten Kopf und dem Spiel in der Hand wieder heraus. Mit fester Stimme verkündete sie, dass sie da nie wieder reingehen würde. Details hat sie mir damals natürlich keine verraten. Erst ein paar Jahre später, als ich selbst alt genug war und durch diese Tür gehen durfte, wurde mir schlagartig klar, was ihr da zwischen den PC-Spielen an aufdringlichen Covern ins Auge gesprungen sein musste. Mama, falls du das jemals liest: danke für diesen selbstlosen Einsatz an vorderster Front!

Warum wir uns erinnern müssen

Heute merke ich ich immer öfter, wie sehr mir diese wuseligen, nerdigen aber mit Liebe für Gaming voll gestopften Geschäfte fehlen. Spätestens seit es Substitute wie GameStop nicht mehr gibt und auch Saturn und Media Markt nur noch ein Schatten dessen sind, was sie in meiner Jugend noch ausmachten. Den Video Buster an der Bornstraße gibt es nicht mehr, dort ist schon seit Jahren mit dem Gourmet Tempel ein All you can eat China Buffet zu finden. Genauso wenig wie es den Videoring in Dorstfeld oder eben Dynatex oder den Gaming Express nicht mehr gibt. Das Ausleihen passiert heute per Knopfdruck digital und im Stream, der Schnack an der Theke wurde durch Foren, Discord und Social Media ersetzt. Das ist alles bequemer, keine Frage, aber auch unpersönlicher.

Bei meiner Suche nach den alten Adressen und Bildern für diesen Text ist mir aber noch etwas anderes schmerzhaft bewusst geworden. Es ist verdammt schwer bis unmöglich noch Fotos dieser Läden zu finden. Weder von Games Land, noch von Dynatex oder dem alten Capitol Kino existieren frei zugängliche Bilder die irgendwie den Vibe von damals eingefangen haben. Klar, die Fotografie war noch Analog mit Film, man ging nicht einfach durch die Straßen und hat wild Fotos von Geschäften und Fassaden geschossen, das erklärt es zwar, macht es aber gleich noch viel trauriger.

Der Lotto Gewinn

Genau aus dieser Wehmut heraus spukt mir seit Jahren dieser eine Gedanke im Kopf herum. Ich sage immer, wenn ich mal im Lotto gewinne, dann mache ich mein eigenes Nerd-Café auf. Eine Mischung aus Comicbuch-Laden, Merchandise-Store, einem kleinen Programmkino für alles, was ich gut finde, sowie gemütlichen Video- und Brettspiel-Ecken. Kombiniert mit einem kleinen Gastronomieangebot. Mein eigenes Central Perk, mein MacLaren’s und mein Comic Center of Pasadena, in dem Falle eher Dortmund, alles unter einem Dach. Ich glaube, das würde mich unfassbar glücklich machen, sich aber wahrscheinlich auch einfach nicht dauerhaft tragen. In den 90ern hätte das wohl funktioniert oder wäre seiner Zeit meilenweit voraus gewesen. Heute würde es mich im Ruhrgebiet wohl in den Ruin treiben.

Aber das Fehlen von Fotos und der Untergang dieser Läden zeigt uns eben auch die eigentliche Essenz dieser Zeit. Diese physischen Treffpunkte waren unser analoges Internet. Sie waren einzigartig und sie kommen nicht wieder. Was uns bleibt sind diese unperfekten, unscharfen Bilder in unseren Köpfen. Sie sind wertvoller als jedes digitale Fotoalbum, weil wir sie uns erzählen und teilen können. Genau dafür schreibe ich das hier. Damit diese Läden nicht komplett im digitalen Nirgendwo verschwinden.

Bis also dieser Lottogewinn eintritt, dazu müsste ich halt auch erst mal spielen, gehe ich eben ab und zu noch am Brüderweg vorbei. Ich schaue auf den Ramschladen, denke an die fetten schwarzen Buchstaben auf orangenem Grund, die damals über dem Eingang prangten und mit den Worten Games Land der Türöffner in nicht nur eine, sondern viele Welten für mich waren und freue mich, dass ich diese Zeit genau so miterleben durfte.

Wie ist das bei euch? Hattet ihr auch so ein zweites Wohnzimmer in eurer Stadt oder gibt es Videotheken-Anekdoten, die ihr bis heute nicht vergessen habt? Habt ihr vielleicht noch Fotos aus dieser analogen Zeit, die die Geschäfte von innen und außen zeigen? Schreibt es mir gerne in die Kommentare!