Der Astronaut – Project Hail Mary

Vergangenen Sonntag saß ich wieder in meinem Lieblingssaal, dem IMAX des UCI Bochum. Ich war voller Vorfreude und gespannt auf das, was mich wohl erwarten würde, nachdem der Trailer zu Der Astronaut: Project Hail Mary mich schon wochenlang ziemlich neugierig gemacht hatte. Da mir Der Marsianer schon sehr gut gefiel und dieser Film wiederum auf einem Buch von Autor Andy Weir basierte, hatte ich zumindest das Gefühl einer Idee, dass mich hier wieder eine ganz besondere Geschichte erwarten würde.
Ein wenig verärgert war ich jedoch, weil ich keinen der begehrten und limitierten Sammler-Pins des Films bekommen habe, die es eigentlich zum Kinoticket geben sollte. Diese waren bereits am Sonntagmittag alle vergriffen und werden gerade von einigen Leuten zu unverschämten Preisen bei eBay und Kleinanzeigen angeboten. Was mich letztendlich aber auf der Leinwand erwartete, ließ meinen Ärger wieder verfliegen, denn es war weit mehr als technische Details und ein Mann in Isolation; es war eine der intensivsten Leinwand-Freundschaften der letzten Jahre.
Die letzte Hoffnung der Menschheit
Die Ausgangslage ist so klassisch wie beklemmend, Ryland Grace, gespielt von Ryan Gosling, wacht allein in einer High-Tech-Krankenstation auf, ohne jede Erinnerung daran, wer er ist oder wie er dorthin gekommen ist. Er ist der einzige Überlebende einer Verzweiflungstat der Menschheit. Nach und nach kehren die Erinnerungen in Flashbacks zurück. Unsere Sonne stirbt, weil ein mikroskopischer Organismus ihr die Energie entzieht und eine neue Eiszeit auf der Erde einleitet. Grace ist an Bord der Hail Mary, Lichtjahre von zu Hause entfernt, die letzte Hoffnung, um in einem fernen Sternensystem nach einer Lösung für das Überleben unserer Spezies zu suchen. Was als einsames Kammerspiel beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Wettlauf gegen die Zeit und zu einer Begegnung, die alles verändert.
Wenn die Unendlichkeit greifbar wird
Wer die Möglichkeit hat, sollte für diesen Film definitiv den Weg ins IMAX wählen. Auch wenn die Handlung viel Zeit in den beengten, fast klaustrophobischen Räumen des Raumschiffs verbringt, entfaltet Der Astronaut seine wahre visuelle Pracht erst in den Weitwinkelaufnahmen außerhalb der Hail Mary. Wenn die Kamera die unendliche Leere des Weltraums einfängt, das Panorama eines mit grün und lila Sturmwolken bedeckten Planeten zeigt oder uns an einen weiten Strand einer fremden Welt mit beruhigend schöner Brandung entführt, profitiert man als Zuschauer enorm vom größeren Bildausschnitt. Diese Kontraste zwischen der Enge der Mission und dem Kosmos sind im IMAX-Format schlichtweg immersiv.
Ebenfalls beeindruckend ist das Sound-Design, für das mit Erik Aadahl und Ethan Van der Ryn absolute Schwergewichte verantwortlich waren. Die beiden haben schon in A Quiet Place gezeigt, wie man Atmosphäre über den Klang steuert. Es gibt Momente, in denen die Anlage ihre volle Wucht ausspielt und die physische Präsenz des Vakuums oder die technischen Vibrationen des Schiffs fast greifbar macht. An der einen oder anderen Stelle dachte ich zwar: „Moment, hier herrscht im Vakuum eigentlich physikalische Stille“, aber genau hier entscheidet sich der Film für das emotionale Erlebnis statt für die reine Leere. Das Sound-Team nutzt diese akustischen Akzente, um den Druck und die Gefahr der Situation spürbar zu machen. Zusammen mit dem experimentellen Score von Daniel Pemberton, der für den Soundtrack sogar Alltagsgeräusche und instabile Glasklänge verfremdet hat, entsteht ein Klangteppich, der das Filmerlebnis im Nachhinein erst so richtig rund macht. Es sind genau diese Augenblicke, die ein normales Heimkino-Setup kaum ersetzen kann; man muss es im wahrsten Sinne des Wortes im ganzen Körper spüren.
Fist my Bump
Ryan Gosling trägt die Rolle des Ryland Grace mit Bravour. Er schafft den Spagat zwischen der Verzweiflung eines Mannes, der sein Gedächtnis verloren hat und dem sprühenden Optimismus eines leidenschaftlichen Wissenschaftlers. Er sieht dabei, wie gewohnt, unverschämt gut aus, aber sein eigentliches Glanzstück ist die Interaktion mit seinem außerirdischen Partner Rocky. Während des Schauens war die Chemie zwischen ihm und seinem außerirdischen Gefährten so gut, dass ich mich erst im Nachhinein gefragt habe, wie man dieses Zusammenspiel so authentisch einfangen konnte.
Die Antwort ist überraschend einfach. Rocky war am Set kein reiner Platzhalter für das Special-Effects-Team, der später digital eingefügt wurde, sondern es kam eine echte, ferngesteuerte Puppe zum Einsatz, die von einem Team von Puppenspielern bewegt wurde. Darum wirkten Goslings Reaktionen so unmittelbar, physisch und echt. Er hatte eben einen richtgen Partner zum Anspielen am Set, was dem Film eine emotionale Wärme verleiht, die vielen modernen, rein digitalen Sci-Fi-Produktionen oft fehlt.
Aber Grace ist natürlich nicht der einzige Akteur in diesem kosmischen Drama, auch wenn der restliche Cast verständlicherweise wenig Screen Time hat. Besonders wichtig für die emotionale Erdung ist Lionel Boyce als Carl. Er spielt im ersten Drittel eine entscheidende Rolle. Seine Figur zeigt sehr deutlich ein Kernmerkmal von Grace, der immer einen Partner braucht, einen „Buddy“, um sich sicher zu fühlen. Carl ist diese Stütze, was die spätere, unfreiwillige Einsamkeit im All und die darauf folgende Beziehung zu Rocky nur umso bedeutsamer macht.
Sandra Hüller verkörpert Eva Stratt, die unnachgiebige Leiterin der Mission. Sie macht einen guten Job und bringt diese kühle Entschlossenheit rüber. Etwas irritierend fand ich allerdings ihre deutsche Synchronisierung, die an manchen Stellen seltsam klang. Ich werde mir aber hier auch mal die O-Ton-Fassung ansehen. Zudem fand ich den expliziten Verweis im Film auf ihre ostdeutsche Herkunft sehr befremdlich. Es wirkte für mich deplatziert. Ist die Trennung zwischen Ost und West heute wirklich noch ein Thema, das man in einem futuristischen Szenario so betonen muss? Milana Vayntrub, die ich sowieso liebe und gerne viel öfter auf der Leinwand sehen würde, sowie Ken Leung komplettieren das Team, haben aber leider sehr wenig zu tun und daher kaum Screen Time. Das ist zwar aufgrund des Fokus der Geschichte verständlich, aber ich hätte gerne noch ein wenig mehr von ihnen gesehen. Dennoch funktioniert der kleine Cast hervorragend, um die Intimität der Mission und Rylands innere Welt zu transportieren.
Wenn die Wissenschaft hinter der Story zurückstecken muss
Trotz aller Begeisterung gibt es Punkte, die mich als Zuschauer mit Fragen zurückgelassen haben. Der Film wird nämlich keinesfalls zu technisch, eher das Gegenteil. Ich hätte mir an manchen Stellen sogar mehr Tiefgang gewünscht. Einige zentrale Fragen bleiben für mich ungeklärt. Warum genau ist der Rest der Crew gestorben? Dieses Schicksal wird im Film fast beiläufig behandelt, obwohl es für die Mission fatal war. Auch die Spezies der Eridianer wirft Fragen auf. Wie kann ein Volk, das scheinbar kein tiefes Verständnis für gefährliche Strahlung hat und eine sehr eingeschränkte Art visuelle Reize zu erfassen, die Hürden der interstellaren Raumfahrt meistern?
Gerade der „First Contact“ und die Geschwindigkeit, mit der Grace und Rocky lernen, sich zu verständigen, wirkten auf mich ein wenig zu comichaft und einfacher, als es in einer harten Realität wohl wäre. Das Ende schlägt schließlich in eine Kerbe, die mich mehr an Fantasy-Welten wie He-Man erinnerte, als an eine wissenschaftlich fundierte Zukunftsvision. Für die breite Masse ist das sicherlich zugänglicher, aber für einen Sci-Fi-Puristen wie mich führt diese Leichtigkeit zu einem kleinen Punktabzug. Nicht unbedingt der Leichtigkeit wegen, sondern weil es versäumt wird, die Konsequenzen in all ihrer Härte und Schönheit gleichermaßen zu zeigen. Vielleicht hätte man sich hier auch einen Epilog in filmischer Form gönnen sollen. Die fünf Minuten mehr hätten den Film am Ende deutlich runder machen können.
Finaler Logbucheintrag
Als der Abspann lief, war ich auf jeden Fall begeistert. Trotz meiner Kritik an der fehlenden technischen Tiefe und dem etwas zu märchenhaften Ende ist Der Astronaut für mich ein absolutes Muss und jetzt schon ein Highlight des Jahres. Eine Spur Wehmut holte mich dann wieder ein, als ich aus dem Kino kam und mir der Sammler-Pin wieder in den Sinn kam. Ein Erinnerungsstück, das ich nun umso lieber gehabt hätte, um mich im Alltag immer wieder an diesen Trip erinnern zu können.
Aber es gibt ja zum Glück auch noch andere Möglichkeiten. Passend zum Film wurde das LEGO Icons Set 11389 Project Hail Mary veröffentlicht und das habe ich mir heute auch spontan im LEGO Store in Essen besorgt. Außerdem werde ich mir die 4K Ultra HD Blu-ray vorbestellen, sobald das möglich ist, um den Film in bestmöglicher Bild- und Tonqualität auch noch einmal in den eigenen vier Wänden erleben zu können. Den Vorbesteller-Alarm dafür habe ich mir bereits gesetzt. Zuletzt habe ich mir gerade die Romanvorlage auf den Wunschzettel gepackt, um in Zukunft das Buch oder Hörbuch dazu zu nutzen, die offenen Fragen zur Crew und der eridianischen Technik hoffentlich besser verstehen zu können. Ich bin gespannt, ob die Vorlage von Autor Andy Weir dort die Lücken füllt, die der Film für mich gelassen hat.
Wie hat euch der Film gefallen oder habt ihr noch vor ihn zu sehen? Schreibt es mir in die Kommentare!




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