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Tjorben
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Asterix erobert Rom

Gestern am Karfreitag bin ich wieder einmal viel zu früh aus dem Bett gefallen. Und bei dem Blick aus dem Fenster, als ich gegen kurz nach sechs in der Küche stand, herrschte da draußen noch diese tiefe Feiertagsruhe, die fast schon etwas Melancholisches an sich hat. Die Straßen vor der Haustür waren noch leer und der langsam heller werdende, aber graue Himmel lud eigentlich nur dazu ein, sich wieder tief in die Kissen zu graben. Während mein Tee zog, räumte ich noch die Küche ein wenig auf und fläzte mich danach auf die Couch. Auf der Startseite von Amazon Prime wurde mir Asterix erobert Rom als Empfehlung angeboten. In diesem Moment wusste ich instinktiv, dass ich mich die nächsten 80 Minuten nicht mehr vom Sofa wegbewegen und mich unter eine warme Dusche aus Nostalgie und kindlicher Vertrautheit begeben würde.
Dieses Gefühl der Vertrautheit wurde bei mir bereits im letzten Jahr auf eine einmal geweckt, als ich die Asterix-Ausstellung bei Phoenix des Lumières in Dortmund besucht habe. Dort wurden in der imposanten alten Industriehalle die meisterhaften Zeichnungen von Albert Uderzo mit 100 Videoprojektoren auf die riesigen Betonwände projiziert, sodass ich das Gefühl hatte, förmlich mitten in einem lebendigen Comic-Panel zu stehen. Diese immersive Erfahrung hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie zeitlos dieses Werk eigentlich ist und mit welcher Detailverliebtheit die Welt der Gallier erschaffen wurde.
Dabei bin ich kein Asterix-Ultra, aber der kleine Gallier hat mich schon immer fasziniert und gut unterhalten. Ich habe aber nur die wenigsten Comics wirklich gelesen, besitze aber zumindest alle ins Ruhrdeutsche übersetzten Ausgaben wie “Zoff im Pott” oder “Glück auf, der Gallier kommt” und war auch schon bei Live Lesungen des “Übbasetzas” Hennes Bender. Die neueren Comics der letzten 15, vielleicht sogar 20 Jahre, kenne ich meist nur vom Cover her, nicht, dass ich kein Interesse daran habe, aber Zeit und Geld spielen nun mal bei allen Hobbies und auch Kultur eine große Rolle. Der Alltag als Medienkonsument ist nun einmal ein hartes Geschäft. 😅
Als der Film schließlich startete, war das also irgendwie mehr als nur ein einfacher Zeitvertreib, sondern eine bewusste Reise zurück in eine Zeit, als die Welt noch deutlich überschaubarer schien. In dem Moment, als die markante Fanfare von Gérard Calvi ertönte, war das Gefühl sofort wieder da. Calvi war ein enger Freund der Schöpfer Albert Uderzo und René Goscinny und hat diesen unverkennbaren Sound kreiert, den ich einfach sofort im Ohr habe, sobald ich an Asterix denke. Obwohl ich genau wusste, was mich erwartet, war ich dennoch gespannt, ob die Geschichte, die mich seit meiner Kindheit begleitet und durchaus auch geprägt hat, mich auch heute noch so gut unterhalten würde.
Die Geburtsstunde von Studios Idéfix

Um die Handlung kurz für alle einzuordnen, die den Film seit Jahrzehnten nicht mehr oder sogar noch nie gesehen haben, geht es in Asterix erobert Rom um eine Wette von Julius Cäsar, der endgültig genug davon hat, dass seine Legionen an dem kleinen Dorf in Aremorica scheitern. Er vermutet, dass es sich bei den Galliern um Götter handeln muss, weshalb er sie vor zwölf Aufgaben stellt, die an die Taten des Herakles angelehnt sind; das Ziel ist das Kolosseum in Rom. Asterix und Obelix, die stellvertretend für das gesamte Dorf los ziehen, um sich den Aufgaben zu stellen, sind dabei mit viel Witz, gallischer Ignoranz und Leichtfüßigkeit auf dem Weg in die Hauptstadt des römischen Reichs.
Wenn ich heute sehe, mit welcher Dynamik Asterix und Obelix durch diese Prüfungen stürmen, verstehe ich erst die historische Tragweite der Produktion. René Goscinny und Albert Uderzo hatten Mitte der siebziger Jahre nämlich die Nase voll davon, ihre Schöpfungen in die Hände fremder Animationsstudios wie Belvision zu legen, deren statische Fließband-Animationen dem detailreichen Stil von Uderzo niemals gerecht wurden. Aus diesem Frust heraus gründeten sie 1974 das Studio Idéfix. Sie wollten ein europäisches Powerhouse für Animation schaffen, das dem großen Vorbild Walt Disney nacheifern konnte.
Technisch war der Film eine kleine Revolution, weil sie dort die Xerografie nutzten. Das bedeutet, dass die Original-Bleistiftzeichnungen der Animatoren direkt fotomechanisch auf die Folien übertragen wurden, anstatt sie von Hand mit Tusche nachzuziehen. Wenn man heute genau hinsieht, erkennt man diesen rauen, energetischen Strich von Uderzo, der dem Film eine Wärme gibt, die man bei heutigen, sauberen und glatten CGI-Produktionen oft vermisst. Da für Asterix erobert Rom kein existierendes Comic-Album als Vorlage diente, sondern ein Originaldrehbuch verfasst wurde, spürt man eine ganz andere erzählerische Freiheit. Die Macher wollten genau jene epische Wirkung erzielen, die mich als Kind so tief beeindruckt hat, wobei dieses Studio leider bereits 1978 nach dem plötzlichen Tod von René Goscinny, er starb tragischerweise während eines Belastungstests beim Kardiologen, wieder schließen musste. Dieser Film bleibt somit ein kostbares, einmaliges Vermächtnis.
Ein Fest für die Ohren
Wenn der Film Fahrt aufnimmt, rückt ein Element in den Vordergrund, das für uns im deutschen Sprachraum fast wichtiger ist als die Bilder selbst, nämlich die grandiose Synchronisation unter der Leitung von Heinrich Riethmüller. Gérard Calvi, der schon die Musik für die ersten beiden Asterix-Filme komponiert hatte, lieferte hier mit der „Obélix Samba“ und seinem typischen Mickey-Mousing-Stil den perfekten Teppich für die deutschen Stimmen. Hans Hessling verleiht dem Asterix eine wunderbar spitzbübische Note, während Edgar Ott den Obelix mit einer derartigen Herzlichkeit ausgestattet hat, dass man ihm die Vorliebe für Wildschweine sofort abnimmt. Dass Ott später als Stimme von Benjamin Blümchen ganze Generationen begleitete, mich eingeschlossen, verleiht seiner Darstellung für mich einen zusätzlichen nostalgischen Bonus.
Dialoge wie der zwischen Majestix und Julius Cäsar zu Beginn des Films fangen die Attitüde der Gallier perfekt ein. Auf das pompöse „Ave, Häuptling dieses Stammes“ folgt ein staubtrockenes „Morgen, Julius“, was die anarchische Haltung der Gallier gegenüber der Weltmacht Rom mit zwei Worten auf den Punkt bringt. Die deutsche Fassung nutzte oft Freiheiten, die das Original vielleicht gar nicht vorsah, was dazu führte, dass der Film bei uns einen ganz eigenen Kultstatus erreichte. Man hört die Freude der Sprecher an jedem Wortspiel, etwa bei Siegfried Schürenberg als Julius Cäsar. Schürenberg war dem deutschen Publikum als Sir John aus den Edgar Wallace Filmen bekannt geworden, wo er immer den herrischen, aber leicht trotteligen Chef spielte. Diese Rolle überträgt er hier perfekt auf den Imperator, der so genial zwischen Arroganz und völliger Hilflosigkeit schwankt.
Die Odyssee der Aufgaben
Es ist gerade die visuelle Erscheinung, die mich heute so fasziniert, da man in den Studios Idéfix eben diesen handgemachten Stil zelebrierte. Was mir beim Schauen jedoch am stärksten aufgefallen ist, war das Pacing, dass mit den heutigen Sehgewohnheiten vielleicht sogar besser zu vereinbaren ist, als mir lieb ist. Die Odyssee von Asterix und Obelix kam mir in meiner Kindheit wie ein gewaltiges Epos vor, das Stunden andauerte. Heute wirkt er fast schon gehetzt, da die gesamte Handlung in gerade einmal 80 Minuten durchgezogen wird und fast jede Prüfung sich nur wie in Reel auf Instagram oder TikTok anfühlt. Diese Kürze führt dazu, dass die zwölf Aufgaben eine absolute Eskalationskurve beschreiben, die von rein physischen Herausforderungen wie dem Rennen gegen den schnellen Griechen Merinos schnell zu psychologischen Prüfungen übergeht und in sich immer absurder wird.
Wir sehen, wie Asterix dem ägyptischen Hypnotiseur Iris mit purer gallischer Sturheit widersteht, bis dieser sich schließlich selbst für ein Wildschwein hält. In der Höhle der Bestie wird es dann fast schon surreal. Im Original wird übrigens viel deutlicher, dass Obelix das Monster schlichtweg verspeist hat, weil er danach nur trocken kommentiert, dass es „gut geschmeckt“ habe. Diese Reise gipfelt schließlich in dem ultimativen Endgegner, nämlich der bürokratischen Qual im „Haus, das Verrückte macht“, wo der Passierschein A 38 erstritten werden muss.
Dass dieser Begriff heute als festes Synonym in der deutschen Sprache für Behördenwahnsinn und undurchsichtige Prozesse verankert ist, zeigt die zeitlose Kraft dieser Zeichentrick-Satire, die eigentlich eine Abrechnung mit der französischen Verwaltung jener Zeit war, aber heute im deutschen Behörden-Dschungel kein bisschen an Aktualität verloren hat.
Die Philosophie des Sattwerdens
Eingebettet in diese Odyssee sind Momente, die für mich durchaus besondere Elemente des Films bilden, weil sie zwei Urbedürfnisse thematisieren, die Lust und den Hunger. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Insel der Freuden, die eine klare Anspielung auf die Sirenen der Odyssee darstellt und mir als Kind durch die betonten Rundungen der Priesterinnen immer eine leichte Verlegenheit bescherte.

Diese „Frivolität“ der siebziger Jahre erhielt durch die rauchige und markante Stimme von Beate Hasenau, die hier die Oberpriesterin der Insel spricht, eine durchaus verführerische Aura. Sie synchronisierte später unter anderen auch Dorothy aus den Golden Girls und dieses Herbe in der Stimme gab der Figur eine erwachsene Dominanz, die weit über das übliche Zeichentrick-Maß hinausging. Später im Film, bei der elften Prüfung, wird dieser visuelle Reiz mit der Erscheinung der Göttin Venus noch einmal auf die Spitze getrieben. Wenn ich das heute einordne, war das im Grunde eine jugendfreie Peep-Show, die eine ganz eigene Spannung erzeugte; zumindest bei mir. Als kleiner Junge saß ich da, hoffte heimlich, dass bei der Götting Venus, die sich nackt auf einer Wolke räkelte, durch eine Bewegung eben dieser Wolke oder ihres Arms, doch mal für einen Millimeter mehr zu sehen wäre. Gleichzeitig versuchte ich, mir von den Erwachsenen absolut nichts anmerken zu lassen.
Genial bleibt dabei die filmische Auflösung, dass die Helden der Versuchung auf der Insel nicht durch Askese oder extreme Willenskraft entkommen, sondern durch einen profanen Mangel an Wildschweinen. Diese Priorisierung, Hunger schlägt Lust, ist die ultimative gallische Philosophie. Bodenständigkeit ist eben oft der beste Schutz gegen jede noch so ätherische Verblendung.
Dieser Fokus auf das Weltliche führt uns direkt zur vierten Prüfung und dem belgischen Koch Mannekenpix. Hier wird die schiere Absurdität der Mengen auf die Spitze getrieben, wenn Obelix ein gewaltiges Titanen-Omelett aus acht Dutzend Eiern, einen kompletten Fischschwarm und schließlich sogar einen mit Oliven gefüllten Elefanten verspeist. Erst wenn man diese Bilder vor Augen hat, entfaltet die anschließende Frage ihre volle Kraft, als Obelix nämlich enttäuscht wissen will, wo denn der Koch geblieben sei, weil dieser ihn direkt nach der Vorspeise habe sitzen lassen. Genau dieser Satz ist in meinem Umfeld zur festen Redewendung nach jedem Buffet oder jeder festtäglichen Völlerei geworden und ich kann mich darüber auch heute noch beömmeln. Manchmal ist es eben doch so simpel, wer satt ist, lässt sich nicht so leicht verrückt machen.

Diese unbändige Freude am Greifbaren und am fleischlichen Exzess beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Essen, sondern ist tief in der gesamten visuellen DNA von Uderzos Schöpfung verwurzelt. Wer seine Artbooks oder seine Autobiografie „Der weite Weg zu Asterix“ durchblättert, erkennt sofort, dass der Mann ein glühender Verehrer des klassischen Pin-up-Stils der 1950er Jahre war. Uderzo hat zwar nie im klassischen Sinne Erwachsenen-Comics gezeichnet, aber er war ein Meister der Kurve, der es liebte, in seinen privaten Skizzen und Studien diese idealisierten, extrem weiblichen Formen zu perfektionieren.
In den freizügigen und gesellschaftlich lockeren 1970er Jahren war diese Prise Erotik in einem Familienfilm auch noch völlig in Ordnung und wurde als Teil eines lebensbejahenden, anarchischen Humors wahrgenommen. In der Relation zu heute wirkt das fast schon wie ein Relikt aus einer anderen Welt. Während die Venus damals eine völlig unhinterfragte Projektionsfläche männlicher Fantasien sein durfte, ist das Asterix-Universum seither massiv gereift. So weiß ich, dass spätere Figuren ganz andere Töne anschlagen. Im Band Asterix und der Greif aus dem Jahr 2021, übernehmen die sarmatischen Frauen als Amazonen die Kriegsführung, während die Männer bei den Kindern bleiben. Das zeigt mir, dass Asterix es schafft, über die Jahrzehnte relevant zu bleiben, indem er den Zeitgeist reflektiert ohne seine anarchischen Wurzeln gänzlich zu verleugnen.
Alea iacta est
Asterix erobert Rom bleibt für mich auch im Jahr 2026 ein absolutes Meisterwerk, weil es das Kunststück vollbringt, die gesamte Bandbreite des menschlichen Daseins, von der Lust über den Hunger bis hin zum bürokratischen Wahnsinn, in ein kurzweiliges Abenteuer zu packen. Dass der Film nach 50 Jahren immer noch so frisch wirkt, liegt vor allem an seinem Mut zur Anarchie. Ein entscheidender Moment für diesen Status ist das Ende, das eine wunderbare Meta-Ebene besitzt. Wenn Asterix dem staunenden Obelix erklärt, dass es sich hier nur um einen Trickfilm handelt, in dem schließlich alles möglich sei, ist das mehr als nur ein Gag. Es ist die ultimative gallische Antwort auf eine Welt, die versucht, alles in Regeln und Aufgaben zu pressen.
Das erklärt nicht nur, warum Cäsar plötzlich abdankt, sondern erlaubt Obelix den ultimativen Sieg über die Zwänge der Realität. Er nutzt die Gunst der Stunde und teleportiert sich mit einem gegrillten Wildschwein unter dem Arm einfach zurück auf die Insel der Freuden zu den vollbusigen Priesterinnen. Hier wird dem Liebling vieler Kinder neben der Völlerei auch direkt noch die Wollust mit einem Augenzwinkern zugeschrieben, was dem Ganzen einen herrlich surrealen Abschluss gibt und uns Zuschauern die Erlaubnis erteilt, die Schwere des Alltags für einen Moment komplett abzustreifen.
Darin liegt für mich auch der eigentliche Grund, warum ich diesen Beitrag geschrieben habe. In einer Zeit, in der die Nachrichtenlage oft belastend ist und wir uns im echten Leben viel zu oft im Haus, das Verrückte macht wiederfinden, bietet dieser Film einen fast schon therapeutischen Rückzugsort. Er ist die Antithese zur sauberen, durchoptimierten Welt von heute. Während moderne Produktionen oft versuchen, jedem alles recht zu machen, bleibt dieser Film kantig, ein bisschen schlüpfrig, herrlich verfressen und vor allem tiefmenschlich. Er bewertet Erfolg nicht nach römischen Maßstäben von Macht und Territorium, sondern nach der Qualität des gemeinsamen Festmahls am Ende.
Als ich gestern nach 80 Minuten den Fernseher ausschaltete, war die Melancholie des frühen Morgens verflogen. Die warme Dusche aus Nostalgie hat funktioniert, aber sie hat mir auch eine frische Perspektive gegeben. Der Film erinnert mich daran, dass ein wacher Geist, eine gesunde Portion Ignoranz gegenüber sinnlosen Autoritäten und das Festhalten an den kleinen, ehrlichen Dingen, wie einem leckeren Essen, die besten Werkzeuge sind, um den Absurditäten der Welt zu begegnen. Asterix erobert Rom ist nicht nur ein Kindheitsrelikt, es ist eine zeitlose Erinnerung daran, dass wir uns unsere Menschlichkeit und den Humor bewahren müssen, egal wie grau der Himmel draußen über dem Revier oder sonst wo gerade sein mag.
Solange wir uns das Lachen nicht nehmen lassen, hat das Haus, das Verrückte macht noch nicht gewonnen.
Wer den Film nun selber mal wieder gucken mag, kann dies aktuell auf Amazon Prime oder auch auf Blu-ray und DVD tun. Oder ihr legt euch direkt die Box mit allen sieben Zeichentrickfilmen zu. Was ist eure Meinung zu diesem französischen Meisterwerk? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.




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