Obsession – Du sollst mich Lieben

Obsession Poster

Vorwort: Irgendwie habe ich anscheinend vergessen, meinen Beitrag zu Obession zu publishen. Geschrieben hatte ich ihn kurz nach meinem Kinobesuch am 14.07.2026. Daher wundert euch nicht, dass der Beitrag hier und da zeitlich vielleicht komisch wirkt, aber da Obsession vor über einem Monat im Video on Demand und mittlerweile auch auf Disc erhältlich ist, macht es vielleicht sogar nochmal Sinn, den Beitrag jetzt zu veröffentlichen

obsession_banner-1024x282 Obsession - Du sollst mich Lieben

Ursprünglicher Beitrag: Wenn man sich derzeit mit dem Thema Film beschäftigt, egal ob es ein Filmblog, Letterboxd-Account oder YouTube-Channel ist, kommt man nicht um den Indie-Hit Obsession von Regisseur Curry Barker herum. Da regnet es Wertungen von 4 oder sogar 5 von 5 Sternen, oft von Leuten, denen ich ein hohes Filmverständnis zutraue und deren Meinung ich sehr schätze.

Gestern Abend saß ich bei gut 31°C Außentemperatur im wohltemperierten Kinosaal 13 des UCI in Bochum und habe mir den Film endlich selbst angesehen. Als der Abspann lief, war ich ehrlicherweise erst einmal frustriert und völlig ratlos. Ich verstand den Hype nicht. Zwar war mir sofort klar, dass der Film kein Totalausfall ist, denn handwerklich agiert Barker mit seinem Indie-Budget extrem geschickt, das Pacing erzeugt einen regelrechten Sog und das Schauspiel von Inde Navarrette (Nikki) ist schlichtweg phänomenal, doch inhaltlich schien der Film für mich über klaffende Logiklöcher und ein moralisches Vakuum zu stolpern. Ich ging mit dem festen Vorsatz nach Hause, einen Verriss über ein Drehbuch zu schreiben, das seine eigene Prämisse nicht zu Ende gedacht hat.

Doch dann habe ich eine Nacht drüber geschlafen. Ich habe die Szenen in meinem Kopf hin und her gewälzt, mich gefragt, warum mich bestimmte Momente so massiv gestört haben und plötzlich fügten sich die vermeintlichen Unstimmigkeiten für mich zu einem erschreckend konsequenten Bild zusammen. Anders als sonst komme ich hier und heute nicht ohne massive Spoiler aus. Wer den Film also noch nicht gesehen hat, sollte jetzt zum Fazit springen. Alle anderen nehme ich jetzt mit auf meinen Gedankengang, der meine Sicht auf diesen Film in den letzten 24 Stunden stark verändert hat.

Die Friendzone: Schüchternheit oder Taktik?

Um zu verstehen, wie dieser Film funktioniert, müssen wir uns das Fundament der Figuren ansehen. Die Handlung dreht sich um ein Geschäft für Musikinstrumente. Hier arbeitet Baron „Bear“ Bailey (Michael Johnston), der unsterblich in seine Kollegin Nikki verliebt ist.

Als ich Baron anfangs sah, war mir diese Figur auf unangenehme Weise extrem vertraut. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich in ihm durchaus Züge meiner eigenen Vergangenheit wiedererkenne. Die lähmende Angst davor, sich einer Frau, auf die man steht, zu offenbaren und abgelehnt zu werden, kenne ich nur zu gut. Statt klare Ansagen zu machen, schwänzelt man wochenlang um die Person herum, klammert sich an den Status quo und landet zielsicher in der Friendzone. Das machte Baron für mich zunächst unheimlich greifbar.

Doch als er nach einem Pub-Quiz mit Nikki im Auto sitzt, knistert die Stimmung. Nikki liefert ihm eine gigantische Steilvorlage, redet über heimliche Schwärmereien. Die Tür für ein Geständnis steht meilenweit offen. Aber Baron kneift abermals, flüchtet sich in Ausreden und greift, kaum dass sie ausgestiegen ist, zum magischen „One Wish Willow“, um sich ihre Zuneigung einfach herbeizuwünschen.

Zuerst dachte ich, was für ein feiger Typ. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir eine andere Lesart: Das ist keine bloße Feigheit mehr, das ist eine Taktik. Baron verweigert sein eigenes Investment – nämlich sich verletzlich zu machen und eine Ablehnung zu riskieren. Er sucht im Grunde gar keine echte Liebe, denn Liebe erfordert Augenhöhe und Kontrollverlust. Er sucht Sicherheit und Besitz. Der magische Übergriff ist in dieser Interpretation kein plötzlicher Charakterbruch, sondern die toxische Eskalation seines Versuchs, das Spielfeld zu manipulieren, ohne selbst Konsequenzen tragen zu müssen.

Der wahre Horror bleibt unsichtbar

Das führt uns zum größten moralischen Versagen der Hauptfigur. Baron wird uns als netter Underdog präsentiert, doch kratzt man an dieser Fassade, bleibt nur ein bemitleidenswerter Wicht übrig. Jemand, der vielleicht irgendwo im Herzen gut sein möchte, letztlich aber nur ein sich selbst bemitleidender Typ ist, der seine eigenen Unzulänglichkeiten aus der Hand gibt und sie durch höhere Mächte ausmerzen muss. Er kann nicht einmal Ian, seinem angeblich besten Freund gestehen, dass er ziemlich schnell die Kontrolle völlig verloren hat und sich alles in eine Richtung entwickelt, die nicht nur bedenklich ist, sondern ihm auch Angst macht.

Hinzu kommt die irritierende filmische Inszenierung der frischen Beziehung zwischen Bear und Nikki. Die Dating-Montage ist so geschnitten, als würden Baron und Nikki bereits seit Monaten die Zeit ihres Lebens verbringen, dabei sind in der Realität des Films gerade einmal ein paar Tage, maximal Wochen vergangen. Diese inszenatorische Dissonanz macht Barons fehlendes Eingreifen nur noch absurder. Nicht nur, weil die beiden eigentlich Nachbarn sind, sondern alle auch noch im selben Geschäft arbeiten. Was ohnehin der nächste Punkt an Unklarheiten wäre. Denn zu Beginn des Films erzählt Nikki bei einem Telefonat mit Bear, dass sie im Musikgeschäft gekündigt habe. Das wird nicht einmal mehr vom Ladenbesitzer aufgegriffen.

Wenn Nikkis Verhalten zunehmend unnatürlicher und extremer wird, müsste selbst ein weniger feinfühliger Mensch sofort die Reißleine ziehen. Besonders moralisch hochgradig schwierig wird dies in einer Sexszene. Baron spürt tief in sich, dass mit dieser Frau etwas fundamental nicht stimmt und sie nicht aus freiem Willen handelt. Dass er diese Warnsignale ignoriert und die Realität schlichtweg nicht wahrhaben will, weil sich sein eigener Wunsch gerade erfüllt, grenzt an Missbrauch durch magische Stellvertretung. Die wahre Nikki schreit im Inneren, aber Baron will nur die Hülle, die ihn anbetet.

Und es blinzelt im Film immer wieder kurz aber deutlich durch, dass Nikki eben nicht einfach durchgedreht ist, sondern als Gefangene im eigenen Körper alles haargenau und bei vollem Bewusstsein miterlebt. Der absolute, existenziellste Horror dieses Films ist der Autonomieverlust einer jungen Frau, die zusehen muss, wie ihr Körper gegen ihren Willen agiert. Das war das eigentliche Versprechen des Films uns an diesem unfassbaren psychologischen Albtraum teilhaben zu lassen.

Doch Barker verweigert uns diesen Zugang komplett. Statt in Nikkis Abgründe hinabzusteigen, verbannt der Film sie in die Rolle des unberechenbaren Monsters und fokussiert sich ausschließlich auf Barons vermeintlichen Leidensweg. Nikkis innerer Kampf wird zugunsten von Plot-Mechaniken geopfert. Dass viele Zuschauer im Kinosaal tatsächlich mit Baron und nicht mit der eigentlichen Leidtragenden mitgefiebert haben, zeigt, wie sehr der Film das Publikum manipuliert.

Das Monster

Was dabei völlig unter den Tisch fällt, ist das absolut unnatürliche, morbide Verhalten dieses Monsters, das von Nikki Besitz ergriffen hat. Baron wünschte sich schlichtweg, dass Nikki ihn mehr liebt als alles andere auf der Welt. Doch was auch immer für eine Wesenheit hier agiert, sie drückt keine verdrehte Liebe aus, sondern handelt einfach nur absurd.

Die „besessene“ Nikki holt die tote Katze aus dem Müll für eine makabre Leichenwache, kocht das tote Tier später sogar und packt es Bear aufs Sandwich. Sie klebt die Haustür mit Klebeband zu, steht nachts völlig unheimlich in dunklen Zimmerecken und fügt sich immer wieder selbst schwerste Verletzungen zu. All das sind vielleicht manische Ausuferungen, aber es sind in keiner Weise Handlungen, die ein Mensch, aus welchen verquerten Liebesgründen auch immer, ausführen würde. Der Film erklärt dieses pathologische Verhalten aber auch zu keinem Zeitpunkt.

Baron stört sich zwar daran, ist genervt und kritisiert, dass dies und jenes nicht in Ordnung sei. Aber dass dieses Verhalten krankhaft ist und überhaupt nicht zur eigentlichen Nikki passt, ignoriert er völlig. Nach außen hin verschleiert er das Ganze sogar noch. Er nutzt ein von Nikki erfundenes Lügenmärchen über ihren krebskranken Vater, um ihr absurdes Verhalten vor den anderen zu rechtfertigen. Die absolute Ironie daran ist, dass sowohl Ian als auch Sarah ganz genau wissen, dass Nikki ihren Vater abgrundtief hasst und überhaupt keinen Kontakt zu ihm hat. Dennoch scheinen sie diese Geschichte weitestgehend zu schlucken und keiner redet mit der betroffenen Person.

Dass Baron diese Ausrede überhaupt nutzt und glaubt, offenbart ein weiteres, massives Problem. Trotz seiner angeblich so tiefen Liebe kennt er Nikki im Grunde überhaupt nicht. Und genau hier bekommt der Filmtitel Obsession seine eigentliche, doppeldeutige Bedeutung und entlarvt Barons unbewusst toxische, fast schon narzisstische Natur. Natürlich ist der Titel erst einmal plakativ auf Nikkis fremdgesteuertes Verhalten unter dem Fluch gemünzt. Doch im Kern geht es um die Obsession, die Baron selbst in sich trägt.

Seine Welt kreist ausschließlich um seine eigenen Bedürfnisse und sein Selbstmitleid. Es ist keine Liebe zu einer Person, es ist die Obsession für eine Idee. Er wünscht sich ein bestimmtes Gefühl mit Nikki ohne überhaupt zu wissen, wer die echte Frau hinter dieser Projektion ist. Er suhlt sich in der Rolle des tragischen „Nice Guys“, der nun durch Magie das einfordert, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Wahrscheinlich wollte er einfach nur mit dieser wirklich wunderschönen jungen Frau schlafen und hat sich massiv in diese idealisierte Fantasie verliebt, statt in den echten Menschen. Die toxische Tragik daran, ist dass er in Nikki kein eigenständiges Individuum mit eigenen Grenzen sieht, sondern am Ende nur ein Werkzeug zur Befriedigung seines Egos.

Fazit

Wie anfangs gesagt: Ich will den Film nicht schlechter machen, als er handwerklich ist. Obsession macht inszenatorisch einiges richtig, baut einen immensen Sog auf und profitiert massiv von einer grandiosen Hauptdarstellerin. Letztlich serviert uns der Film im Kern aber nur eine aufgewärmte Variation der alten Genre-Prämisse: „Be careful what you wish for“.

Das ist an sich völlig legitim. Was dem Film aber endgültig das erzählerische Genick bricht, ist sein verweigertes Ende. Was passiert eigentlich mit Nikki? Die Frage nach ihrem weiteren Leben fällt komplett unter den Tisch. Viele Horrorfilme lassen das Schicksal ihrer Überlebenden am Ende offen, doch dieser oft genutzte „Final Girl“-Kniff greift hier einfach nicht. Nikki ist keine Heldin, die über sich hinausgewachsen ist und den Täter besiegt hat. Sie ist ein absolutes Opfer, das psychisch und physisch missbraucht und unfreiwillig zur grausamen Mörderin ihrer eigenen Freunde gemacht wurde. Was für ein Leben soll sie nach diesen unvorstellbaren Traumata noch führen können? Sitzt sie im Gefängnis? Hat sie überhaupt noch einen Lebenswillen? In dieser brutalen Konstellation wäre am Ende wahrscheinlich sogar ihr Tod eine gnädige Lösung gewesen. Ihr Schicksal derart desinteressiert in der Luft hängen zu lassen, empfinde ich schlichtweg als weak writing.

Wenn ein Drehbuch sich derart weigert, die moralischen und logischen Konsequenzen seiner eigenen Prämisse auszuloten, das morbide Verhalten seines „Monsters“ völlig unzureichend erklärt und das eigentliche Opfer des Films zur reinen Kulisse für die Lektion eines toxischen Egoisten degradiert, dann reichen handwerkliche Kniffe für mich einfach nicht aus. Es sind am Ende schlichtweg zu viele inhaltliche Unstimmigkeiten, die Wertungen von 4 oder 5 Sternen rechtfertigen würden. Ein fesselnder Ritt, zweifellos, aber einer, der in seinen entscheidenden narrativen und moralischen Momenten schlichtweg kneift. Dennoch werde ich mir den Film im Heimkino bei Zeiten noch mal zu Gemüte führen.